Musical mit Muppetseffekt: Freilichtbühne Werne wird zur olympischen Jukebox

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Werne. Sie spielen die Hauptrolle im Hintergrund: die Bühnenbilder in der Freilichtbühne Werne. Für die zweite Premiere in diesem Sommer hatte das Team vom Kulissenbau eine beeindruckende griechische Tempelfassade im Rund der Freilichtbühne hochgezogen.

Darüber, im pappumwölkten Olymp, fetzten sich Göttinnen und Götter. Darunter, auf dem Bühnenboden der Tatsachen, ging es ebenfalls turbulent zu. Das Publikum in den ausverkauften Rängen ließ sich am Samstag (11. Juli 2026) vom Tempo, dem Witz und den Songs des Musicals „The Olympians“ nur zu gern mitreißen.

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Dem Stück der US-Amerikanerin Cara Reichel gelingt es, gesellschaftskritische Fragen in herrlichen Blödsinn zu verpacken, ohne die Probleme grundsätzlich zu verdecken. „The Olympians“ stellt verschiedene Geschlechtsidentitäten vor und das Patriarchat auf den Kopf. Gleichzeitig unterlaufen moderne Verfremdungseffekte die ohnehin nicht ernst genommenen Momente eines antiken Dramas: Anstelle eines Chors, der das Geschehen kommentiert, tritt Thalia, die Muse der Unterhaltung, auf. Gut gelaunt durchbricht sie fortwährend die unsichtbare vierte Wand zwischen Bühne und Publikum. Und sie übernimmt auch schon mal eine Nebenrolle, zum Beispiel, wenn den Göttern gerade ein passendes Orakel fehlt.

Der Kulissenbau holte das antike Athen nach Werne.

Göttliche Punk-Röhren

Kristina Thiemann mimt diesen Part quirlig und mit ansteckender Lust an der Parodie. Als nicht-delphisches Ersatzorakel flattert sie schleiertanzend umher, „vergisst“ dabei allerdings zunächst einen Teil ihrer Prophezeiung vorzutragen. Ihre Erklärungen griechischer Mythologie geben bodenständiger Anschaulichkeit den Vorrang vor klassischer Erzählkunst. Als vier Sterbliche rätseln, was denn wohl der Gürtel der Hippolyte sei, wirft sie von hinten ein: „Shapewear!“

Wie ein griechischer Klagechor – nur nicht so ernst gemeint.

Thalia ist es auch, die zu Beginn das Publikum anfeuert: „Öffnen wir die Jukebox der Pandora.“ Denn wie aus einer Jukebox werden bekannte Songs gezogen und geschickt in die Handlung eingebaut. So entpuppen sich die Göttinnen Artemis, Aphrodite und Athena gleich zu Beginn als veritable Punk-Röhren mit „Feel It Like Everyone“ von The Boss Martians. Denn eines ist im Olymp nicht anders als auf Erden: Es herrscht das Patriarchat. Und da die drei Damen ja seit der Sache mit Paris und dem Apfel für die Schönste von ihnen das Wetten gewohnt sind, schließen sie gleich die nächste ab: Welche Frau besitzt das beste Talent, um den Platz ihres Geschlechts in der Welt zu stärken?

Serena Gerold (Mitte) als Aphrodite.

Mitreißend choreografiert

Athena wählt Sophia, ein Mädchen mit Verstand, Artemis findet in Zoe, einer kämpferischen Spartanerin die passende Kandidatin und Aphrodite sucht sich die warmherzige Lexi aus. Allen drei Sterblichen gemeinsam ist, dass sie mit ihrem Los als Frauen hadern. Und jede hadert mit einem Song, in dessen Präsentation sich Emotion und Komik wunderbar mischen. Sophia besingt ihre Sehnsüchte mit der träumerischen Ballade „Breakaway“ von Kelly Clarkson – inmitten einer Ziegenherde. Die Zuhörer lachen schallend, als die Ziegenhandpuppen im Refrain mitmeckern. Ein Effekt wie aus der Muppetshow.

Artemis überzeugt Zoe mit „You Make My Dreams Come True“ von Hall & Oates. Dazu erweisen sich spartanische Soldaten als gut choreografierte Tanzgruppe. Lexi betet die schöne Göttin Aphrodite zunächst mit einer zurückgenommenen Version von „Venus“ an. Doch die Göttin dreht den Song zur mittreißenden Popnummer, samt pinkfarbenem Glitzerkostüm, eingerahmt von zwei Begleitstimmen.

Sonnen für den Sonnengott.

Die Göttinnen sind mit Sarah-Jane Jücker (Artemis), Serena Gerold (Aphrodite) und Simone Lasana (Athena) kontrastreich besetzt. Jede treibt die Eigenarten ihrer „Göttlichkeit“ auf die Spitze: Gerold als kokettes Revuegirl, Jücker mit präsenter Entrüstung, Lasana mit klug gespielter Bescheidenheit. Die drei harmonieren perfekt in ihrer Zerstrittenheit.

Auf dem Weg, die Welt zu retten.

Gut eingespielt gehen auch ihre drei weltlichen Gegenstücke miteinander um. Katharina Lewandowski ist als einfühlsame Lexi ganz blonde Lieblichkeit, Janine Muhlberg verleiht ihrer spartanischen Sportlichkeit den notwendigen Trotz einer missachteten Tochter und Helena Lasana mischt nur zu gern mit ihrem Wissen die bornierte Männerwelt auf. Begleitet werden die drei von Lexis Bruder Xander, gespielt von Isabelle Wiebusch. In seiner treuherzig-naiven Art hat er es nicht leicht mit der energischen Frauengruppe, was Wiebusch zwischendurch mit perfektem Dackelblick zum Ausdruck bringt.

Auftritt Artemis, gespielt von Sarah-Jane Jücker.

Slapstick und Sonnenschein

Die Regie führte Laura Stattkus mit Gespür für Feinheiten und Tempo. Da wird ein heroischer Schwur, mit dem sich Sophia, Zoe und Lexi vereinen, durch Xanders lapidaren Einwurf unterlaufen: „Ich komm auch mit.“ Wenn „Wide Open Spaces“ von The Chicks intoniert wird, trägt der griechische Theaterchor Cowboyhüte als Reminiszenz an den Countrysong. Orpheus (Sebastian Kaul) tritt als übermelancholischer Singer-Song-Writer auf, mit einer gekonnten Portion schluchzender Kiekser in der Stimme. An Stummfilmzeiten erinnert die Slapstickszene zu Blondies „One Way Or Another“. Zu dem ironisch wiederholten Refrain wirbelt alles auf der Bühne durcheinander. Ein punktgenau abgestimmtes Chaos, für das es einmal mehr Szenenapplaus gab.

Die Muse (Kristina Thiemann) erzählt und orakelt bisweilen.

Ebenso für den Auftritt des umtriebigen Sonnengotts Apoll. Während er zu „Walking On Sunshine“ gute Sommerlaune verbreitete, ließ er sich von schleiertanzenden Tänzerinnen umschwärmen. Die Kostümgruppe hatte die Göttinnen glamourös aufgepeppt, die Sterblichen dagegen eher schlicht und akurat antik gehalten. Das tanzende Ensemble trat dagegen wahlweise sonnenbekrönt, spartanisch uniformiert oder in wogenden Flattergewändern auf. Zusammen mit der aufwendigen Kulisse zeigte die Freilichtbühne Werne, dass sie auch in Sachen Kostüm und Kulisse ihren Platz im Open-Air-Olymp behaupten.

Simone Lasana als Athena.
Vereint gegen das Patriarchat.
Ziegenhandpuppen meckern mit.
Zickenkrieg im Olymp.

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