Die Stadt mit der Sim-Jü-Kirmes

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Werne. Einmal im Jahr herrscht in Werne der Ausnahmezustand. Ein Menschenstrom ergießt sich in die historische Altstadt. Fahrgeschäfte versprechen Nervenkitzel, Losverkäufer den Hauptgewinn. Kinder betteln um Zuckerwatte. Vier Tage dauert die Sim-Jü-Kirmes, nach der Allerheiligenkirmes in Soest die älteste und größte Innenstadtkirmes Nordrhein-Westfalens. An ihre Ursprünge erinnert der Krammarkt am Dienstag.

Die Geschichte eines überregionalen Marktes zum Namenstag von Simon und Judas (Thaddäus), dem 28. Oktober, reicht ins 14. Jahrhundert zurück. Am 13. Dezember 1362 verlieh Bischof Adolph von Münster seinem „Weichbild“ Werne das Recht einer Kirmes, „die Kirmes zu den Heiligen Simon und Juda, und zwar zwei Tage vorher und zwei Tage nachher in der Weise, als es das Recht einer freien Kirchmesse ist“. Die originale Urkunde befindet sich im Werner Stadtmuseum.

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Das Recht, einen Markt abzuhalten, spielt im Prozess mittelalterlicher Stadtwerdung eine wichtige Rolle. Aber wann ist eine Stadt eine Stadt? Heute ist die Unterscheidung zwischen Stadt und Gemeinde einfach. Ausschlaggebend ist laut Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung eine Einwohnergrenze von 5.000: Alles darüber wird als Stadt bezeichnet.

Abgrenzung vom Umland, eine dichte Besiedlung rund um die Kirche St. Christophorus: Das Werne-Modell im Stadtmuseum verdeutlicht Kriterien für eine mittelalterliche Stadt. Gut zu sehen ist auch die Abfolge von Roggenmarkt (vorne im Bild), Kirchhof und Marktplatz. – Foto: Schwarze mit freundl. Genehmigung des Stadtmuseums Werne

In Ermangelung festlegender Institutionen gestaltete sich die Abgrenzung für das Mittelalter schwieriger. Zu unterschiedlich präsentierten sich die Siedlungsformen nach Epoche, räumlicher Lage und wirtschaftlicher Bedeutung. Die Forschung hat sich darauf verständigt, von einem Bündel an Merkmalen auszugehen. Dazu gehören eine nicht-agrarische Lebensweise, die Dichte der Bebauung, berufliche Arbeitsteilung sowie freiheitliche Rechte und Selbstverwaltung. Eine maßgebliche Rolle spielt die Identität der Bewohner, sprich: das Selbstverständnis, als Stadt organisiert zu sein.

Wesentlich speiste sich dieses Selbstverständnis aus dem Recht, einen Markt abzuhalten. Handel zu treiben, das war im Mittelalter ein verbrieftes Recht von König, Adel und hoher Geistlichkeit. Nach wirtschaftlichem und politischem Ermessen traten sie dieses Recht ab. So wie es Bischof Adolf 1362 in Werne handhabte. Und seit mehr als 660 Jahren ist Werne nun die Stadt mit der Sim-Jü-Kirmes.

Für die mittelalterliche Stadtentwicklung waren noch weitere Stationen relevant. Das ist im Stadtbild an der Abfolge von Marktplatz, Kirchplatz und Roggenmarkt beispielhaft abzulesen. Werne entstand im 9. Jahrhundert als Siedlung rund um ein Gotteshaus, einen Vorgängerbau der Pfarrkirche St. Christophorus. Die Holzkirche war von fränkischen Missionaren aus der jungen Bischofsstadt Münster errichtet worden. Sie handelten im Auftrag des Karls des Großen, der die sächsischen Ethnien östlich des Rheins ebenso erobern wie christianisieren wollte.

Die Stadt Werne entwickelte sich rings um die Kirche St. Christophorus. In den Umrissen des Kirchplatzes ist der ursprüngliche Siedlungskern um die Pfarrkirche noch zu erkennen. Foto: Schwarze

Die Gegend von Werne bot sich als Missionsstandort an, da hier geografische Vorzüge und reger Betrieb zusammentrafen. „Werina“ lag an einer Kreuzung alter Handelsrouten. Da war zum einen die Nord-Süd-Trasse, die Münster, Lünen, Dortmund und das Kloster Werden (Essen) verband. Sie führte über Bonenstraße, Kirchhof und Kleine Burgstraße durch die Stadt. Außerdem verlief der Hellweg durch die Region, ein Fernhandelsweg, der seit der Antike vom Rhein zur Elbe führt. Dazu kamen eine Furt über die Lippe sowie eine Anhöhe unweit eines Bachlaufs, der Horne. Auf dieser Erhebung oberhalb des späteren Roggenmarktes war das fränkische Kirchlein vor Hochwasser geschützt. Gleichzeitig sicherte die Horne die Versorgung mit Trinkwasser.

Die Kirche entwickelte sich zum Anziehungspunkt. Händler erkannten den Vorteil eines festen Verkaufsstandorts und ließen sich ringsherum nieder. Mit der Zeit gaben die Bischöfe von Münster weiteres Land im Einzugsbereich der Kirche zur Bebauung frei. Das Leben innerhalb einer Siedlung gewährte Schutz. Allerdings konnten sich die Menschen nicht dahinter verschanzen.

Handelsbeziehungen waren die Lebensadern dieser arbeitsteiligen Siedlungen. Bauern kamen nach Werne, um ihre Produkte auf dem Roggenmarkt zu verkaufen. Solche Nebenmärkte sind typisch für mittelalterliche Städte. Der Hauptmarkt blieb Fernhändlern und Bürgern vorbehalten. Selbstbewusst krönten sie ihr Ansehen mit einem repräsentativen Rathaus, errichtet wurde es an zentraler Stelle zwischen Markt und Kirchplatz. Seit mehr als 500 Jahren bildet es die dekorative Kulisse für die kreisenden Höhepunkte der Sim-Jü-Kirmes.

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