Werne. In der Gasse, die vom Marktplatz zur Bonenstraße führt, befanden sich einst zwei Gebäude, die im Leben der jüdischen Gemeinde in Werne eine wichtige Rolle spielten. Heute erinnern dort zwei Bodenplatten mit Gebäudeskizzen bzw. kurze Texte an die ehemalige Synagoge (Markt 13) und die jüdische Schule/Gemeindehaus (Markt 12).
Die Gedenkplatten wurden im November 2021 dort in den Boden eingelassen. Die erste zeigt Gedächtnisskizzen der Gebäude von denen keine Fotografien oder Baupläne mehr erhalten sind. Die zweite Bodenplatte enthält kurze Texte, die die Geschichte der Gebäude erläutern. So schildert es der frühere Kreisarchivar Josef Börste in einem Beitrag für das Jahrbuch 2026 des Kreises Unna.
Darin hat er sich unter dem Titel „Ein solcher jüdischer Religions-Lehrer ist … hier zu Werne immer vorhanden gewesen“ der Geschichte des jüdischen Schulwesens in Werne gewidmet, die weit in die Vergangenheit reicht. Durch das detailreich recherchierte Quellenstudium hat er Interessantes zum Thema Schulunterricht für jüdische Kinder zu Tage gefördert.
Wie die Anfänge des jüdischen Bildungswesens vor der Mitte des 18. Jahrhunderts ausgesehen haben mögen, liege dabei aus Mangel an Quellen im Dunkel. „Es kann sich nur um auf privater Basis organisierten Unterricht gehandelt haben“, zitiert Börste aus dem Historischen Handbuch der jüdischen Gemeinschaften in Westfalen und Lippe (Münster 2008).
Von einem organisierten Schulwesen konnte man in Werne demnach nicht sprechen. „So heißt es in einer ,Nachweisung‘ aus dem Jahr 1816, dass ,in Ermangelung eines Schulgebäudes‘ der Lehrer sein Amt ,in seinem eigenen Hause‘ versehe“.
Der erste namentlich erwähnte Lehrer war der Jude Herz Bamberger, ergab Börstes Quellenrecherche. Dieser sei aktenkundig geworden, weil er Ende September 1808 einem Kind „den Eintritt in der Schule verweigert“ habe. Das führte zu einer Beschwerde von dessen Vater David Heimann bei der zuständigen Behörde und schließlich zu einer Klage. Dem Schullehrer wurde untersagt „einseitig und willkürlich Juden-Kinder vom Unterrichte“ auszuschließen.
60 Jahre später stellte die jüdische Gemeinde in einem Schreiben an die Regierung Münster vom 19. Juli 1868 „die Anstellung eines jüdischen Religions-Lehrers“ fest: „Ein solcher jüdischer Religions-Lehrer ist auch von den ältesten Zeiten her und soweit wir uns erinnern und in Erfahrung haben bringen können, hier zu Werne immer vorhanden gewesen, indem dieses für unsere Gemeinde offenbar eins der nothwendigsten Bedürfnisse war.“
Napoleon-Dekret mit handschriftlichem Vermerk des „Schulmeisters“
Ein weiterer früher Nachweis, dass es in Werne schon Anfang des 19. Jahrhunderts einen jüdischen Schulmeister gab, belegt ein Dekret von Napoleon. Es datiert vom 3. März 1809 und ist als Dokument in der Dauerausstellung des Stadtmuseums zu finden. Darin taucht der Name Israel Abraham Königsberger als „Schulmeister“ der jüdischen Gemeinde in Werne auf. Auf dem historischen Dokument bestätigte dieser, dass er dies in der Synagoge bekanntgemacht habe: „Israel Abraham Königsberger, Schulmeister bey die Judenschaft in Wehren, von nemlichen ist poplicirt worden in die Juden Sinigoge“, lautet die handschriftliche Notiz auf dem Dekret, das zugleich auch die erste Nennung der Synagoge darstellt.

In den Jahren darauf wechselten die Lehrer, die mit dem Unterrichten der jüdischen Kinder betraut wurden, oft in schneller Folge. Mit dem Lehrer Gottfried Ruben sei schließlich für einige Jahrzehnte Ruhe und Kontinuität einkehrt, schildert Josef Börste. Die Stelle wurde spätestens Ende der 1850er-Jahre vakant, als Gottfried Ruben die Stadt Werne verließ.
Den Weg zur Eröffnung einer jüdischen Privatschule beschritt man schließlich mit Philipp Gumpert. Man hoffte, mit ihm eine qualifizierte Person gefunden zu haben. Um eine jüdische Privatschule in Werne errichten zu können, hatte Gumpert bereits einen auf den 1. Oktober 1860 datierten Stundenplan eingereicht.
„Neben Lesen, Schreiben und Übersetzen von Hebräisch und Deutsch standen Religion, biblische, vaterländische und Natur-Geschichte, Kopf- und Tafelrechnen, Zeichnen, Gesang und Schönschreiben auf dem Unterrichtsplan“. Im Februar 1861 habe die Regierung die Einrichtung der Privatschule genehmigt. Schnell sei die jüdische Gemeinde mit der Arbeit des Lehrers Gumpert unzufrieden gewesen, sodass er bereits 1865 wieder entlassen wurde.

Jüdische Privatschule vermutlich im Häuschen neben der Synagoge
Nicht genau nachweisen lasse sich, in welchem Gebäude die jüdische Privatschule betrieben wurde. Wahrscheinlich habe es sich dabei um das neben der Synagoge gelegene alte Fachwerkhäuschen gehandelt, das sich im Besitz der Synagogengemeinde befand. Im Jahre 1865 habe die Gemeinde Pläne für den Bau einer Schule inklusive einer Lehrerwohnung erstellen lassen und in der zweiten Hälfte 1866, spätestens Anfang 1867 sei das Gebäude bezugsfertig geworden, wird in dem Jahrbuch-Beitrag erläutert.
Da man zu dieser Zeit noch keinen neuen Lehrer eingestellt hatte, sei das neben der Synagoge gelegene jüdische Gemeindehaus vermietet worden. Im Jahre 1868 hatten die elf jüdischen Familien demnach mehr als zwanzig schulpflichtige Kinder. Nach dem Ende der jüdischen Privatschule zum 1. Oktober 1872 besuchten sie wieder die städtischen Elementarschulen.

Über die Erteilung des Religionsunterrichts in den folgenden Jahren ist dem Autor zufolge wenig bekannt. Um 1900 hatte die Synagogengemeinde demnach die „Vereinbarung“ getroffen, dass jedes Mitglied dafür „selbst und auf eigene Kosten zu sorgen habe.“ Im Frühjahr 1903 fasste man nun den Beschluss, dass „auf Kosten der Gemeinde ein Religionslehrer den Unterricht“ erteilen solle.
Die Wahl fiel auf den in Lünen angestellten Lehrer Louis Meyer, der für 120 Mark jährlich 40 Stunden unterrichten sollte. Joseph Heimann von der Steinstraße erinnert sich, dass dieser jeden Mittwochnachmittag etwa drei Stunden hebräische Grundlagen und Gebete unterrichtete. Die Vorbereitung auf die Bar Mizwa fand im Haus des Lehrers statt. Daher mussten Joseph und seine Brüder nach Lünen radeln. Joseph, Jahrgang 1897, hatte noch drei Brüder: Albert (1894), Ernst (1898) und Willy (1902).
NS-Zeit brachte häufige Repressalien und Ausschluss von Unterrichtsfächern
In einem längeren Kapitel beleuchtet Josef Börste das Schicksal von elf Kindern jüdischen Glaubens während der NS-Zeit in Werne. „Die vier Kinder von Albert und Rosa Heimann und die beiden von Alwin und Rosa Lippman besuchten die katholische Grundschule. Hannelore und Ruth Heimann sowie Hannelore und Inge Lippmann wurden später für die Höhere Stadtschule zugelassen. Dort waren sie jedoch immer häufiger Repressalien und Gängelungen ausgesetzt und durften an Fächern wie Sport, Religion, Geschichte und ,Rassenlehre´ nicht mehr teilnehmen“.
Der 1934 geborene Sohn von Leo und Anni Marcus, Hans Gustav, sowie der 1935 geborene Sohn von Ernst und Berta Heimann, Helmut, wurden, bevor sie ins schulpflichtige Alter kamen, von den Nationalsozialisten in Konzentrationslager deportiert und dort ermordet.

Zusehen ist in dem Jahrbuch-Beitrag das einzige noch vorhandene Foto des kleinen Hans Gustav Marcus und eines von Helmut Heimann. Das gleiche Schicksal wie die beiden Jungen erlitt Mathel Schleimer, die 1941 geborene Tochter von Ewald und Herta Schleimer, geborene Salomon. Herta Schleimer war die Schwester von Heinrich Salomon, der in der Pogromnacht in Werne schwer misshandelt, geschlagen und verhaftet wurde und dem im August 1939 die Flucht in die USA gelang.
Das ehemalige Schul- und Gemeindehaus sei 1939 von den Nationalsozialisten in Werne in ein sogenanntes Judenhaus umgewandelt worden, heißt es weiter. Auf einer Grundstücksfläche von 58 Quadratmetern befanden sich sieben Räume, die außer von dem als Küche genutzten Raum mit durchschnittlich sechs Quadratmeter Fläche sehr klein waren.
Im Oktober 1952 erwarb die Familie Jorden das Objekt, das in den Folgejahren abgerissen wurde. „Damit war, abgesehen vom jüdischen Friedhof, eines der letzten sichtbaren Objekte der jüdischen Geschichte Wernes dem Bagger zum Opfer gefallen“, schließt Josef Börste.
Das Kreisjahrbuch 2026 ist bei Bücher Beckmann erhältlich.






















