Dienstag, März 24, 2026

„Jeder trägt Poesie in sich“: Laila Amer gewinnt Poetry Slam

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Stockum. „Neue Namen, frische Texte, sechs Minuten Rampenlicht und das Publikum ist die Jury. Wer gewinnt die ‚Goldene Feder‘?“ – unter diesem Motto veranstaltet das Jugendamt der Stadt Dortmund in Kooperation mit dem „WoW Poetry Slam“ regelmäßig einen Wettbewerb für alle Newcomer auf der Slam-Bühne.

Die 16-jährige Laila Amer aus Stockum nahm das erste Mal am WoW-Wettbewerb teil – und gewann direkt.

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Bei einem Poetry Slam handelt es sich um einen Dichterwettbewerb. Bei diesem tragen Künstler in einem vorgegebenen Zeitfenster ohne Hilfsmittel ihre Texte vor. Typisch ist ein genreübergreifender Sprechrhythmus, der den Text lebendig macht, beispielsweise durch Reime, Betonung und Redegeschwindigkeit.

Laila schreibt seit zwei Jahren. Den genauen Start ihrer Begeisterung kann sie schwer verorten, aber sie sagt selbst: „Ich bin grundsätzlich ein sehr nachdenklicher Mensch, mich reizt das Warum hinter den Dingen. Also die Frage, warum Menschen das denken, was sie denken oder warum manches nicht ankommt, wie es soll.“ In ihren Texten verarbeitet sie diese Beobachtungsgabe und überführt sie in bildgewaltige Naturmetaphern. Die scheinbaren Oberflächlichkeiten des Alltags schmückt sie mit Bezügen Umwelt aus und so stellen die Leser und Zuhörer, aber auch sie selbst immer wieder fest, „dass alles schon vorhanden ist, dort draußen“.

Ihr Grundsatz für das Schreiben ist es, keine starren Regeln aus Lehrbüchern zu befolgen, sondern in sich zu horchen und ihren Gefühlen einen Ausdruck zu geben. „In der Gesellschaft gehen Gefühle und ihre Reflexion zunehmend verloren“, stellt sie fest. Das Umwandeln in Poesie biete Möglichkeiten, sich selbst und andere besser zu verstehen, berichtet die Schülerin.

Mit Gedichten hat alles angefangen. Hat sie einmal eine Idee gefasst, schreibt Laila Amer diese sofort runter. Nur so bleibe der Rhythmus, in dem die Gedanken entstehen, am besten erhalten. Sie unterscheidet für sich zwei Schreibstile: „Ich schreibe einmal politisch-religiös, aber besonders gern über das Innere und die persönliche Gefühlswelt.“ Diese Schreibstile trug sie auch auf der Bühne vor: Neben acht anderen Teilnehmern, von denen sie die jüngste und eine Mitte 60-Jährige die älteste war, startete sie in der Vorrunde mit dem Gedicht „Erscheinungsbild“.

In diesem thematisiert sie die Themen Islam und Extremismus, die im Kern nichts mit der Religion zu tun haben würden: Aber auch Rassismuserfahrungen und ihre eigene Interpretation des freien Willens beschreibt sie eindrücklich. Wir alle würden zu sehr nach außen schauen: „Innere Freiheit“, so Laila, „ist die, die man spüren sollte. Wenn man sich selbst hat, ist man frei.“

Ihr lyrischer Vortrag überzeugte das Publikum, sodass sie mit zwei anderen Teilnehmern im Finale die Chance auf den Sieg hatte. Sie schloss mit dem Gedicht „Frei“, das sich an den vorangegangenen Gedanken der inneren Freiheit anschloss. Jetzt ist die 16-Jährige aus Stockum die Hüterin der „Goldenen Feder“ und Gewinnerin des WoW-Slams. „Mir wurde im Anschluss auch die Teilnahme an einem Poetry Slam in Bonn empfohlen, in Essen sind die Plätze schon voll.“

Laila mit der Auszeichnung der „Goldenen Feder“ als Gewinnerin des WoW-Slam-Wettbewerbs vom 14. März in Dortmund. Foto: Johanna Glowacki

Solange sie wartet, bis im Juni der WoW-Slam in die nächste Runde geht, will Laila weiterschreiben. „Wichtig ist, warum man schreibt“, hält sie hoch. „Das Schreiben sollte aus dem Herzen kommen. Deshalb kann ich mir auch nicht vorstellen, mal auf Antrag Texte zu verfassen.“ Ihre Texte sind sehr persönlich, so reflektiert Laila Amer – ihr Vater kommt aus dem Libanon – in einem anderen Gedicht, das „Die Plage“ heißt, die verletzenden Diskriminierungserfahrungen durch Mitschüler und Lehrer, als sie sich mit neun Jahren dazu entschied, ein Kopftuch zu tragen und Teile der Gesellschaft ihr vorwarfen, damit eine Plage über sich und andere zu bringen.

Mittlerweile zählt Laila mehr als 30 Gedichte, die sie verfasst hat. In ihrer Freizeit ist sie zudem Trainerin der G-Jugend des SV 47/63 Stockum e.V., dokumentiert ihre Gedanken in einem Journal, malt und liest sehr gern. In Zukunft möchte sie in einem Podcast ihre Liebe und ihr Wissen zu Gedichten mit allen Menschen teilen. 

Doch auch in ihrer sonstigen Freizeit möchte sie ihre Impulse und Erfahrungen ermutigend weitergeben. Innerhalb des neulich gegründeten Vereins „LiLit LifeTools“ unter der ersten Leitung von Michael Reckmann und in Kooperation mit der Evangelischen Kirchengemeinde Werne sind bereits Projekte dafür geplant. Darunter eine „LiteraTour“, bei der man selbst verfasste Poetry Slams vortragen darf und über sie mit dem Publikum ins Gespräch kommt.

Aber auch ein Workshop unter der Leitung von Laila, die Schülerin am Anne-Frank-Gymnasium in Werne ist, steht auf dem Plan. „Dabei möchten wir in einem dreitägigen Seminar unter dem Leitthema „Be humble“, also „Sei bescheiden“, über Gedichte reden. Für mich ist ein Gedicht die Zusammenfassung von etwas Großem“, berichtet sie. Laila ist überzeugt: „Jeder trägt Poesie in sich.“

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