Donnerstag, Mai 23, 2024

Bürgerforum zum „Gewerbepark“: Friedlich und sachlich statt hitzig

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Werne. 100 Besucher waren im Saal, 80 verfolgten die Veranstaltung online: Das ist die rein zahlenmäßige Bilanz des Bürgerforums zum Bürgerentscheid für oder gegen die Planung eines Gewerbegebietes an der Nordlippestraße.

Befürworter aus Politik, Verwaltung und Wirtschaft und die Gegner des Projektes nutzten am Freitagnachmittag auf der Bühne des Kolpingsaals die Gelegenheit, ihre Argumente auszutauschen und den Wahlberechtigten mit Informationen die Grundlage für ihre Entscheidung beim Bürgerentscheid am 12. Dezember zu geben.

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Unter der professionellen Leitung der Wirtschaftsmoderatorin Britt Lorenzen fand eine sachliche Auseinandersetzung mit dem umstrittenen Thema statt. Die Bürger erhielten in der zweistündigen Veranstaltung ausreichend Gelegenheit, ihre Fragen zu stellen, sowohl online als auch auf vorbereiteten Karten im Saal.

Dabei sah es zunächst nicht so aus, dass die Diskussion einen so friedlichen Verlauf nehmen würde, nachdem Bürgermeister Lothar Christ auf Wunsch der Werner Gewerbetreibenden mit dem „Wir für Werne“-Vorsitzenden Michael Zurhorst kurzfristig noch einen weiteren Befürworter des Projektes aufs Podium eingeladen hatte. Der Sprecher der Bürgerinitiative, Axel Kersting, hatte dieses Vorgehen scharf kritisiert. Die Lösung des Problems stieß bei den Anwesenden aber auf keinerlei Widerstand: Die drei Vertreter im Befürworter-Lager erhielten zusammen die gleiche Redezeit wie die zwei Gegner: 45 Minuten standen ihnen jeweils zur Verfügung. Die Zeit der Wortbeiträge wurde gestoppt.

„Wir möchten Ihnen eine Bühne mit sachkundigen Personen bieten, damit Sie wissen, wo Sie am 12. Dezember Ihr Kreuz machen“, eröffnete Britt Lorenzen den Abend. Vier einminütige Statements führten in das Thema ein.

100 Interessierte waren zum Bürgerforum in den Kolpingsaal gekommen, weitere 80 verfolgten die Veranstaltung zuhause am Bildschirm ihres Computers. Foto: Klaus Brüggemann

Bürgermeister Lothar Christ betonte die Notwendigkeit einer Ausweisung der neuen Gewerbefläche, die für die weitere Entwicklung und die Sicherung der Infrastruktur erforderlich sei. Bei der Planung würden strenge Anforderungen an die Nachhaltigkeit und den Klimaschutz gestellt. „Wenn wir das nicht in Werne mit Verantwortung machen, dann machen das andere ohne Verantwortung“, so Christ.

Martin Schwert, Einreicher des Bürgerbegehrens, sprach von einer Entscheidung mit großer Bedeutung, die die Bürger am 12. Dezember treffen. Es gehe darum, die verkrustete Politik in Werne durch das Votum der Bürger aufzubrechen.

Maximilian Falkenberg, Ratsmitglied der Grünen und Vorsitzender des Ausschusses für Umwelt, Mobilität und Klimaschutz, hegte Zweifel an den Plänen, dass auf der Fläche an der Nordlippestraße tatsächlich ein „grünes Industriegebiet“ entstehen kann. Die Entscheidung gegen die weitere Planung sei ein klares Ja für die Zukunft.

Uta Leisentritt (CDU), Vorsitzende des Stadtentwicklungsausschusses, bezeichnete das Gewerbegebiet als eine große Chance für die Stadt Werne. Sie appellierte, die Bauleitplanung weiterzuführen, um eine Entscheidungsgrundlage zu bekommen.

„Es gibt im gesamten Verbandsgebiet einen Bedarf von 1.300 Hektar für größere Industrieansiedlungen“, erläuterte Michael Bongartz vom Regionalverband Ruhr im Kurzvortrag, wie es zu der Ausweisung der Fläche am nördlichen Ortseingang gekommen ist. 43 Standorte seien in der Region Ruhr genauer untersucht worden, letztendlich seien 24 festgelegt worden – darunter zehn Industriebrachen.

Michael Bongartz vom RVR erläuterte die Planung der Kooperationsstandorte. Die Veranstaltung wurde live im Internet übertragen. Foto: Klaus Brüggemann

Die Kooperationsstandorte seien eine Chance für die jeweiligen Kommunen, denn dort könnten Unternehmen mit einem Bedarf von mindestens fünf Hektar angesiedelt werden, sagte Bongartz. Die Realisierung sei in der Verantwortung der Kommunen. „Innerhalb des festgelegten Gebietes hat die Stadt die alleinige Planungshoheit“, versicherte der RVR-Sprecher und betonte, dass die regionalen Kooperationsstandorte unabhängig vom kommunalen Bedarf ausgewiesen werden. „Sie können national und international dafür werben und neue, zukunftsträchtige Betriebe nach Werne holen“, sagte Bongartz.

Im anschließenden Podiumsgespräch stellten sich Bürgermeister Lothar Christ, Matthias Stiller, Leiter der Wirtschaftsförderung, „Wir für Werne“-Vorsitzender Michael Zurhorst sowie die Vertreter des Bürgerbegehrens, Clemens Overmann und Dr. Götz Heinrich Loos, den Fragen der Bürger. Lothar Christ gestand in seinem Eingangsstatement ein, dass es Fehler bei der Information über die Pläne gegeben hat. „Wir hätten eher informieren müssen. Das haben wir verpasst“, sagte der Bürgermeister. Allerdings seien frühere Entscheidungen über Gewerbegebiete nie konträr diskutiert worden.

„Die intensive Landwirtschaft auf der Fläche lässt sich nicht wegleugnen, aber es gibt Säume, die artenreich sind“, hob Dr. Götz Heinrich Loos den ökologischen Wert der für das Industriegebiet vorgesehenen Fläche hervor. Bevor man die freie Landschaft in Anspruch nimmt, sollte zunächst im Siedlungsbereich nachverdichtet werden.

Clemens Overmann sprach von Planungsfehlern der Vergangenheit, die sein Vertrauen in die Werner Politik getrübt hätten. „Mitte der 1980-Jahre sollte am Stadtpark ein Hotel gebaut werden, das durch das Engagement einer BI verhindert wurde. An dieser Stelle befindet sich heute die Saline“, nannte Overmann ein Beispiel.  Und wäre man den Planungen aus den 1970er Jahren gefolgt, dann würde an Stelle des Alten Rathauses ein Parkhaus stehen.

Also sogenannte Bürgersprecher fungierten Philipp Cramer (Wirtschaftsförderung) und BIN-Vertreter Hubertus Rosendahl (rechts), die die Fragen der Bürger notierten und per Beamer an die Gesprächsrunde weiterreichten. Foto: Klaus Brüggemann

Wirtschaftsförderer Matthias Stiller versicherte, dass die Nachhaltigkeitsstrategie des Landes im neuen Gewerbegebiet Berücksichtigung finde: „Wir wollen Industrie- und Gewerbegebiete neu denken.“ So würden im Bebauungsplan harte Anforderungen an den Klimaschutz gestellt, die für die Unternehmen verbindlich seien. Die Stadt könne Vorreiter bei der Realisierung eines klimafreundlichen Gewerbe- und Industriegebietes werden.

Michael Zurhorst hält den Widerstand der Bürgerinitiative für verfrüht, denn derzeit gebe es noch zu wenig Fakten für eine sachgerechte Auseinandersetzung mit dem Thema. Deshalb hält er es für erforderlich, weitere Untersuchungen im Rahmen des Planverfahrens durchzuführen. Damit werde nichts festgelegt. „Wir haben uns in der Vergangenheit am Ende einer Planung auch schon gegen ein Vorhaben entschieden“, so der frühere CDU-Ratsvertreter. 

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