Mittwoch, Juni 19, 2024

Gedenken an die Pogromnacht

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Werne. In der Gasse zwischen Markt und Bonenstraße zeugen heute zwei Bodenplatten mit Skizzen der ehemaligen Synagoge und jüdischen Schule vom jüdischen Leben, das einst, so Bürgermeister Lothar Christ am Dienstag in seiner Ansprache zum Gedenken an die Pogromnacht des 9. November 1938, tief in der Stadt verwurzelt gewesen sei.

„Skizzen der ehemaligen Synagoge und der jüdischen Schule machen ebenso wie die dazu gehörigen Erläuterungen deutlich, dass an dieser Stelle ein Schwerpunkt jüdischen Lebens in Werne war“, sagte er.

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Genau vor einem Jahr allerdings, habe er mitteilen müssen, dass die traditionelle Gedenkveranstaltung ausfallen müsse. Grund seien die Einschränkungen der Corona-Pandemie gewesen. „Was wir damals noch nicht wussten: Am selben Tag, dem 9. November 2020, konnte die Firma Pfizer und das Forscherehepaar Özlem Türeci und Ugur Sahin, die Mitgründer der Firma BioNTech aus Mainz, der Weltöffentlichkeit eine bahnbrechende Mitteilung machen: Der vornehmlich von ihnen entwickelte Covid-19-Impfstoff hatte sich mit einer mehr als 90-prozentigen Wirksamkeit als erfolgreich gezeigt!“

Der 9. November 2020 sei somit in zweifacher Weise durch Corona geprägt gewesen. Zum einen hatte das Corona-Virus die Durchführung der traditionellen Gedenkveranstaltung verhindert. Zum anderen würde der an diesem Tag bekannt gewordene Impfstoff unzähligen Menschen weltweit helfen.

Die Gedenkveranstaltung war am Dienstag (9. November) gut besucht. Foto: Gaby Brüggemann

Christ erinnerte dann vor den Teilnehmern der gut besuchten Veranstaltung an Gewalt und Schrecken der Pogromnacht, an die „zahlreichen Übergriffe in ganz Deutschland, an die Brände in 1.400 Synagogen und anderen jüdischen Einrichtungen, an die Verschleppung von Menschen, an etwa 1.500 Tote und zahllose Verletzte, an Hetzjagden und Plünderungen. Und von all dem war Werne nicht ausgenommen“, sagte er.

Heute – 83 Jahre später – würden Erinnerungsveranstaltungen wie diese kritisch hinterfragt. Gefragt werde auch, warum heute immer noch sogenannte Stolpersteine verlegt und Denkmäler sowie Erinnerungstafeln errichtet werden. „Ohne gründliches Wissen um seine Geschichte kann auf die Dauer kein Volk bestehen…. Wenn ein Volk aber versucht, in und mit seiner Geschichte zu leben, dann ist es gut beraten, in und mit seiner ganzen Geschichte zu leben und nicht nur mit ihren guten und erfreulichen Taten“, verwies Christ auf die Worte des ehemaligen Bundespräsidenten Roman Herzog.

Bürgermeister Lothar Christ erinnerte an die Schrecken der Pogromnacht. Foto: Gaby Brüggemann
 

Wernes Bürgermeister schlug den Bogen zu dem Historiker Wolfgang Niess und dessen kürzlich erschienenen Buch mit dem Titel: „Der 9. November – Die Deutschen und ihr Schicksalstag“. Niess selbst stehe zwar dem vom Verlag im Untertitel gewählten Begriff „Schicksalstag“ skeptisch gegenüber, sehe aber durchaus Verbindungslinien zwischen den historischen Ereignissen, die jeweils auf einen 9. November fielen: „Die Revolution 1918, der Hitlerputsch 1923, die Pogromnacht 1938 und der Fall der Berliner Mauer 1989.“ Nach Auffassung von Niess spiegele sich im 9. November wie in keinem anderen Tag des Jahres der lange, von furchtbaren Rückfällen unterbrochene Kampf um die Demokratie in Deutschland. Und erst 2018 habe man erstmals mit einer Gedenkstunde im Bundestag an die November-Revolution von 1918 erinnert.

Historiker Niess mache deutlich, dass die Ereignisse am jeweiligen 9. November der Jahre 1918, 1923 und 1938 einander bedingen, dass aber auch die Hinzunahme des 9. November 1989 eine Gesamtbewertung erlaube. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier habe in seiner Gedenkrede 2018 vor dem Bundestag gesagt: „Am 9. November erinnern wir Deutsche an beides: an Licht und an Schatten unserer Geschichte. Dieser Tag ist ein Tag der Widersprüche, ein heller und ein dunkler Tag. Ein Tag, der uns das abverlangt, was für immer zum Blick auf die deutsche Vergangenheit gehören wird. Die Ambivalenz der Erinnerung.“

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