Donnerstag, Mai 30, 2024

Therapie auf dem Pferderücken

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Werne. Strahlend hält Reiter Christian Jansen Goldmedaille und Siegerschleife von den Special Olympics Weltspielen in Abu Dhabi 2019 in die Kamera. Gewonnen hat er sie für sich selbst und für alle aktiven und passiven Mitglieder des Vereins für Reittherapie im Kreis Unna e. V., dessen aktives Mitglied er seit 20 Jahren ist.

Wie er sind Annika Littau, Timur Acar, Helena Hohenhövel und Christopher Engeldinger schon mehr als zwei Jahrzehnte im Verein, bei Andreas Buick sind es sogar schon 30 Jahre Mitgliedschaft. Wie sie haben viele der heute erwachsenen Aktiven mit der Reittherapie schon in ihrer Kindheit begonnen und sind dabei geblieben.

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Die ganzheitlich positiven Effekte auf die Entwicklung der körperlich, geistig und mehrfach behinderten Mitglieder sind es nicht allein, auf die Familien aus Werne, Kamen, Bergkamen und Unna bei der Reittherapie setzen. Denn neben den Übungsstunden, die jeden Samstagvormittag in einer Halle der Reitanlage Schwert in Werne stattfinden, ist den Familien das inklusive und integrative Vereinsleben mit seinen Kontakten und gemeinsamen Unternehmungen wichtig. „Es geht nicht nur darum, die Motorik zu verbessern, sondern um eine ganzheitliche Therapie, die auch das Sozialverhalten und einen verantwortungsvollen Umgang mit den Tieren schult“, betonten Vorsitzende Marion Acar und Stellvertreterin Roswitha Jansen im Gespräch mit WERNEplus. Von Anfang an durften auch die Geschwisterkinder mitmachen und finden viel Spaß an den Samstagvormittagen in der Reithalle.

In der langen Zeit der Corona-Pandemie wurden die Treffen sehr vermisst, berichteten beide. Umso größer war die Freude, als Ende August das 40-jährige Bestehen des Vereins gemeinsam gefeiert wurde. Am 18. November 1981 jährte sich die Gründung des Vereins, der aus einer Elterninitiative um die spätere langjährige Vorsitzende, Gerti Latussek, Ehemann Hans und Tochter Gaby hervorging. „Setzen Sie ihr Kind aufs Pferd“, hatte der Arzt Familie Latussek als Therapie für die Tochter empfohlen. Mit dem Kauf eines Ponys nahm dann alles seinen Anfang.

Das gibt Selbstvertrauen: Stute Frieda lässt den Jungen seelenruhig auf ihrem Rücken balancieren. Foto: Gaby Brüggemann

Die therapeutischen Erfolge sprachen sich herum und der Grundstein für die erste Selbsthilfegruppe war gelegt. Die Gruppe der Reiter vergrößerte sich und die Planung eines Vereins begann. Gleichzeitig ging man auf die Suche nach einer Reithalle, um auch bei schlechtem Wetter die Therapie durchführen zu können. Von Josef Schwert erhielt man schließlich die Genehmigung, die Reithalle des „Reit- und Fahrverein St. Georg Werne“ zu nutzen. Das erste Therapiepferd „Elfi“ wurde der Elterninitiative von Wilhelm Kanne kostenlos überlassen. Die Reitanlage Schwert ist seit nunmehr 30 Jahren Standort des Vereins, der Mitglied im Behinderten Sportverband NRW und im Deutschen Sportbund ist. Dies gilt auch für die Special Olympics für Menschen mit geistiger Behinderung in Nordrhein-Westfalen und das Kuratorium für therapeutisches Reiten.

Hier helfen alle mit: Mit vereinten Kräften organisiert das ehrenamtliche Team um Marion Acar (links) und Roswitha Jansen (Mitte) jedem Samstag Übungseinheiten in der Reitanlage Schwert. Viele der Aktiven sind von Kindesbeinen an dabei und geben heute Hilfestellung und Anleitung. Foto: Gaby Brüggemann

Apropos Special Olympics: Die eingangs beschriebene Teilnahme an den Weltspielen ist nur die jüngste in einer ganzen Reihe früherer erfolgreicher Auftritte. So waren Reiter/innen aus Werne und dem Kreis Unna seit 2006 schon mehrfach dabei und sind dafür um die halbe Welt gereist. In Shanghai, Athen und Los Angeles standen die Teilnehmenden aus dem Kreis Unna ebenfalls auf den Starterlisten und kletterten wiederholt auf das Treppchen.

„So werden Selbstständigkeit, Verantwortung und Sozialverhalten gefördert, alle profitieren“,

Roswitha Jansen über die Reittherapie.

Heute sind es die vier vereinseigenen Therapiepferde Gin Tonic, Clare Silver, Harmony und Frieda sowie ein Pony, auf denen die Aktiven unterschiedlichen Alters an jedem Samstag in einer Halle der Reitanlage ihre Runden drehen. In der ersten Übungseinheit werden die Pferde am Zügel geführt, später sind die Reiter an der Reihe, die ohne Führung reiten können. Ziel der Therapie ist es, Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit Handicap in vielfältigen Belangen zu fördern.

Das reicht vom motorischen Bereich über Wahrnehmungsschulung, Überwindung von Ängsten und Steigerung des Selbstwertgefühls bis hin zur Förderung sozialer Fähigkeiten. Kindern aus dem Bereich der Jugendhilfe hilft die Therapie beispielsweise, Vertrauen aufzubauen und auch hyperaktiven Kindern bekommen die ruhigen Bewegungen und das Eingehen auf die Vierbeiner gut. „So werden Selbstständigkeit, Verantwortung und Sozialverhalten gefördert, alle profitieren“, erklärte Roswitha Jansen.

Die besondere Wirkung der Reittherapie zeigt sich oft unmittelbar. „Wir hatten ein Kind mit einer Spastik, das im Rollstuhl und mit einer starken Verkrampfung ankam. Durch die Wärme und Bewegungen des Tieres lag es schließlich entspannt auf dem Pferderücken“, nannte Marion Acar ein Beispiel. Gegenwärtig kämpft der ausschließlich spendenfinanzierte und ehrenamtlich organisierte Verein auch mit einem großen Manko und sucht dringend nach einem Therapeuten oder einer Therapeutin für die Übungseinheiten. Auch weitere Helfer, die gemeinsam mit den Reitern die Pferde für die Übungen bereit machen oder Ausflüge und Wettbewerbe begleiten, seien gefragt, hoffen die Vorsitzenden auf personelle Unterstützung. Für die Bewegung und Förderung der Pferde unter der Woche sind zudem Reitbeteiligungen willkommen.

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