Montag, Februar 2, 2026

Vom „schwarzen Magistrat“ und treulosen Schwan

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Nachdem Anfang des Sommers 1931 der Stadtsee, damals noch „Teich im Hagen“ genannt, zum ersten Mal vollgelaufen war und die sich zahlreich angesammelten Paddelboote wegen der Uferbeschädigungen durch Polizeiverfügung entfernt worden waren, begab sich eine Geschichte, die in Werne schnell die Runde machen sollte.

Ein Mitglied des „schwarzen Magistrats“ hatte sie, nachdem einige Zeit vergangen war, in der „Werner Zeitung“ veröffentlicht. Damals tagte diese „gesetzwidrige Körperschaft“ noch im Hagen. Inzwischen hatte sie aber ihr Domizil gewechselt und hielt an langen Abenden ihre Treffen irgendwo im versteckten Winkel einer Kneipe ab, wo all die im Sommer erlebten und gehörten Geschichten ihre Auferstehung feierten und wo sie bei jeder Nacherzählung eine andere Färbung und vielfach auch einige eigenmächtige Zusätze erhielten.

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Die Geschichte mit dem Schwan aber, die wirklich verdient, in den gebundenen Jahrgängen der „Wäenschen Tiedung“ (Werner Zeitung) festgehalten zu werden, geben wir heute in der verbürgten Originalfassung wieder:

Im Frühling 1931 siedelte die Stadtverwaltung auf der Teichinsel ein Schwanenpaar an. Es sollte das Ausstellungs- und Paradestück unserer Stadt werden. Ihm galt denn auch die Bewunderung der Fremden und das stete Interesse von Groß und Klein in Werne. Stolz und majestätisch zogen die Schwäne lautlos ihre Bahn und die edlen Formen ihrer Körper, die klassische Haltung und das Schneeweiß berauschten jeden Freund wahrer Schönheit.

Das Familienleben des Paares schien geradezu vorbildlich und da Bennetz’ken die edlen Tiere Tag für Tag pünktlich mit großen Stücken weißen Stutens versorgte, dachte jedermann, dass dieses Familienglück vollkommen sei. Eines Tages aber trat eine Katastrophe ein: Der stolze Schwan machte sich davon und flog mit riesigen Flügelschlägen südwärts zur Lippe und den Fluss aufwärts. Wie man einige Tage später feststellte, hatte er sein Domizil auf dem Radboder See in Bockum-Hövel aufgeschlagen.

In Werne war die Bestürzung groß – namentlich im schwarzen und im ordentlichen Magistrat. Bei der Schwänin traten indes erhebliche Depressionen ein und sie nahm tagelang keinen Stuten mehr von Bennetz’ken an. Auf der Futterrampe wurde eiligst ein Kollegium gebildet, das die Ursachen erörtern und Maßnahmen ergreifen sollte, um den ehelichen Frieden wieder herzustellen. Man einigte sich dahin, dass eine feierliche Abordnung den Schwan auf dem Radboder Zechenteich aufsuchen und ihn zur Rückkehr bewegen sollte. Das wurde denn auch wie besprochen angegangen.

Als sich unsere Vertreter dem Ausreißer näherten, ergriff er jedoch die Flucht. Er erhob sich in die Lüfte und kreiste in kühnem Bogen über Hamm. Bestürzt und niedergeschlagen kehrte unsere Abordnung nach Werne zurück. Mehrere Wochen, die mit ausgiebigen Beratungen ausgefüllt sein sollten, verstrichen. Schließlich fand einer den rettenden Ausweg. Nun zogen sie mit dem Feuerwehrauto abermals los. Ein großer Drahtgitterkasten, in dem die Schwänin in banger Erwartung saß, wurde auf den Radbod-See hinausgerudert. Als ihr Gatte die arme Verlassene erblickte, schoss er wie ein Pfeil in den Käfig. Während der rührenden Aussöhnung aber zogen unsere wackeren Schwanenfänger, die hinter dem Gebüsch am Ufer saßen, mit einer langen Leine die Käfigtür zu. Es war vollbracht.

Wenige Stunden später schwamm er wieder majestätisch auf unserem Hagenteich, zwar mit festgeklemmten Flügeln (Anm. d. Red. Stutzung der Schwungfedern), aber dennoch erhobenen Hauptes und stolz geschwungenen Halses. Wie ein Admiralsschiff in der Flottille aus zahlreichen Enten und Seehühnchen sah er aus. Und im Kielwasser glitt seine Gattin dahin, ausgesöhnt und zärtlich wie nie zuvor.

Nach einer wahren Geschichte, bearbeitet von Rainer Schulz.

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