Sonntag, April 14, 2024

Helle Juhl Eggersmann: Kirmeskind mit Bonusfamilie

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Von Helle Juhl Eggersmann, geb. Schulz

Werne. Etwa vier Wochen vor Sim-Jü geht es bei uns an der Lünener Straße wie im Taubenschlag zu. Haustür und Telefon klingeln permanent. Ich bin ein absolutes Kirmeskind. Sim-Jü ist bei uns Familiensache, mitgefangen, mitgehangen. Als mein Vater 1987 das Buch „625 Jahre Sim-Jü“ schrieb, hat er uns dennoch jeden Abend etwas vorgelesen. Meine Mutter bekam damals zu Recht das erste Buch, das vom Band der Druckerei lief.

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Für mich ist aus heutiger Sicht unbegreiflich, wie man das mit einem wirklich ausfüllenden Vollzeitjob und zwei Kindern schaffen kann. Schon zu Schulzeiten habe ich zusammen mit meinem Bruder und meinem Vater – damals noch aus der Tiefgarage der Sparkasse Werne heraus – die Lebkuchenherzen per Fahrrad an die Werner Kaufmannschaft verteilt. Kurz darauf wurden auch schon fleißig Bummelpäckchen gepackt und eh man sich versah, backte man morgens zwei Kuchen und kochte Kaffee für das Otto-Wendler-Fußballspiel vor.

Besonders schön war eigentlich immer die Aufbauwoche, wenn sich der Platz nach und nach füllte. Mit jeder Zugmaschine, die in Richtung Kirmesplatz fuhr, wuchs dann die Vorfreude. In dieser Phase vor dem eigentlichen Beginn der Kirmes war immer viel los und ich erinnere mich an einige Anekdoten aus diesen Tagen.

Da war zum Beispiel meinen Tante Bärbel Schütze – in Schausteller-Kreisen ist der Begriff „Tante“ ein Ausdruck von Respekt und nicht unbedingt der Hinweis auf eine Blutsverwandtschaft. Sie hat direkt nach dem Auffahren auf dem Platz immer nach ein paar Kastanien gesucht. „Wer im Winter Kastanien in der Tasche hat, der friert niemals“, lautete dazu ihr Kommentar.

Tante Bärbel: Ein warmes Essen und ein bisschen Aberglaube

Und in ihrem ockerfarbenen, gemütlichen Wohnwagen gab es immer eine mit Liebe zubereitete Mahlzeit – gleichgültig zu welcher Uhrzeit man kam. Von ihr habe ich auch den ein oder anderen abergläubischen Brauch kennengelernt. Zum Beispiel bringt es Unglück, einen Regenschirm im Wohnwagen zu öffnen. Auch eine Wäscheleine zwischen zwei Wohnwagen oder Camper zu spannen geht gar nicht. Ebenso wenig nimmt man Schnittblumen von einem Platz zum anderen mit, auch wenn sie noch so schön sein mögen. Ich höre heute noch deutlich, wie Tante Bärbel an der Geisterbahn mit ihrem „Immer wieder dabei sein“ rekommandierte.

Erinnerung an Fritz „Onkel Picki“ Petter aus dem Jahr 2005. Foto: privat

Dann gab es noch meine Tante Picki, eigentlich Marianne Petter. Für mich als Kind war es aber glasklar: Es gibt Onkel Picki (Fritz Petter), dann ist seine Frau natürlich Tante Picki. Eines Abends waren wir auch zu Gast in ihrem Wohnwagen. Feierabend gab es für sie nie. So saß Tante Picki nach dem Tagewerk noch in aller Ruhe im Küchenerker und besserte mit Nadel und Faden die kleinen Wimpel aus, die an der Stromstange der Scooter-Chaise befestigt waren. Dabei führten wir Gespräche über Gott und die Welt und auch hier verließ man den Wohnwagen weder hungrig noch durstig.

Von legendärer Gastfreundschaft, Schausteller-Adel und Netzwerkern

Ohnehin ist die Gastfreundschaft der Schausteller nicht in Worte zu fassen. Da wird nicht alles hinterfragt und diskutiert. Wenn du etwas brauchst oder leihen musst, wird unter gemeinsamen Freunden nicht lange gefackelt, es wird geholfen. Das ist alles nicht mehr selbstverständlich. Auf der anderen Seite ist es auch ein bisschen wie mit dem Adel: man wird hinein geboren. Als Außenstehende oder „von privat“ gehört man meistens nie so richtig dazu.

Dieses Gefühl habe ich nie teilen können, denn ich habe die Schausteller, gerade jene, die wirklich immer schon nach Werne kommen, stets als meine Bonusfamilie empfunden. Auch heute ist es immer noch so, dass wir Lösungen für die kuriosesten Dinge finden. Wir fungieren als Postadresse für Bestellungen, mal muss dringend bei uns geduscht werden, weil der Wasseranschluss noch nicht läuft. Oder es wird dringend ein Arzttermin gebraucht.

Ein besonders lustiges Erlebnis hatte ich mit Gertrud und ihrer Schwester Verena Wendler (heute Kreft und Darmann). Deren Mutter Marion war die erste Schaustellerin, die meine Mutter kennenlernen durfte – irgendwann Mitte der 70er Jahre. Jedenfalls fanden wir Kinder an einem Mittwoch oder Donnerstag vor Sim-Jü einen freilaufenden Hund. Schwarz, kräftig, ausgewachsen, aber auch sehr freundlich und zugewandt. Den nahmen wir dann gleich mit in den Garten der Eltern und freuten uns tierisch, endlich einen eigenen Hund zu haben. Diese Freude währte allerdings nur kurz, denn wie meist auf einem Kirmesplatz verbreitete es sich wie ein Lauffeuer, dass wir eben diesen markanten schwarzen Hund gefunden hatten. Doch wie gewonnen, so zerronnen – es war der entlaufene „Schirkan“ meiner lieben Tante Bärbel. Den wollten wir wohl nicht wiedererkennen.

Der schönste Moment an Sim-Jü?

Das ist immer Samstagmittag gegen 14.15 Uhr. Dann fällt von uns allen der Druck ab, ob wohl alles klappen wird. Alle Schausteller sind da, die Geschäfte spielen und ein meist erfolgreiches und spendenstarkes Fußballspiel samt gemütlichem Abend liegen hinter uns. Jetzt steht nur noch das Vergnügen im Mittelpunkt. Was man nie beeinflussen kann ist das Wetter, allerdings denke ich dann immer an die Worte unseres lieben Pfarrers Sascha Ellinghaus: Man soll nicht über den Regen klagen, sondern lernen im Regen zu tanzen.

Der traurigste Moment an Sim-Jü?

Wenn am Dienstagabend die erste Zugmaschine wieder Richtung Kirmesplatz fährt, um einen Imbiss oder Teile eines Fahrgeschäftes umzusetzen. Dann weiß ich, dass meine Bonusfamilie wieder weiterzieht.

Gertrud Wendler schrieb damals in mein Freundebuch: „Schausteller sind seltsame Leute. Wir kamen erst gestern und fahren schon heute.“

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