Werne. „Wir waren gerade beim Frühstück, als plötzlich ein Schuss fiel. Sofort stürzte alles an Deck, um die Ursache desselben zu erforschen“: Was sich streckenweise liest wie ein Abenteuerroman, ist das Tagebuch eines Obermatrosen der kaiserlichen Marine.
Professor Dr. Andreas M. Heinecke fand Fotokopien der eng beschriebenen Seiten, als er den Nachlass seiner Eltern sichtete. Weil er erkannte, dass es sich um eine historisch interessante Quelle handelt, beschloss er, ein Transkript des Tagebuches herauszugeben.
„Ich fand es einfach spannend, wie sich ein Stück deutscher Geschichte aus der Sicht eines einfachen Soldaten sozusagen von unten darstellt“, sagt er. Bei dem Matrosen handelt es sich um seinen Urgroßvater mütterlicherseits. Richard Schmeißer beschreibt in seinem Tagebuch die Fahrt des Kanonenbootes SMS Habicht vom 13. Oktober 1880 bis zum 27. Oktober 1882. Wie Heinecke im Vorwort erklärt, ist die Fahrt historisch interessant, weil es sich um einen der ersten Einsätze der kaiserlichen Marine in der Südsee handelte. Zum anderen war die Habicht im Anglo-Ägyptischen Krieg 1882 bei der Beschießung Alexandrias zugegen und evakuierte deutsche Staatsbürger. „Zwei Jahre auf hoher See, da würden Soldaten heute kündigen“, merkt Heinecke an.

Die Fotokopien lagen sorgfältig verwahrt in einem braunen Papierumschlag, beschriftet mit „Opas Tagebuch – Richard Schmeißer“. Die mehr als 50 Seiten musste Heinecke allerdings zunächst in die richtige Reihenfolge bringen. Dann vertiefte er sich in die Kurrentschrift, einer bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts in Deutschland gebräuchlichen Schreibschrift. „Pro Tag habe ich etwa ein bis zwei Seiten geschafft“, erklärt der emeritierte Informatiker und Hochschullehrer. „Zum Glück hatte mein Urgroßvater eine recht gut lesbare Schrift.“

Bei der Übertragung der alten Schrift in Druckschrift hielt Heinecke sich buchstabengetreu an die Vorlage und deren Schriftbild. Jeder Tipp- und Rechtschreibfehler wurde übernommen, ebenso Streichungen, Satzzeichen und Trennungen. „Bei Eigennamen hat man den Eindruck, Richard Schmeißer hat nach Gehör geschrieben“, sagte Heinecke. Auckland zum Beispiel sei zweimal korrekt und gefühlt sechsmal falsch geschrieben worden. In der Printausgabe des Tagebuchs liegt jeder Originalseite das dazugehörende Transkript direkt gegenüber. So können die Schilderungen von Richard Schmeißer wortgetreu nachvollzogen werden.
Der Obermatrose beschreibt die Seekrankheit von Kollegen, die englische Hafenstadt Plymouth und die Schwierigkeit, dort sonntags ein Bier zu bekommen. Je weiter sich die Habicht von europäischen Gefilden entfernt, desto irritierender muten die rassistischen Formulierungen an. Bevor die Habicht gen Auckland aufbricht, erhalten die Seeleute einige Tage Urlaub. „Man kann sich hier soweit ganz gut amüsieren, indem man sich eine Flasche Gin kauft, dann badet“, beginnt Schmeißer. Was folgt, ist eine aus heutiger Sicht abfällige Beschreibung für eine andere Art von Vergnügung mit jungen indigenen Frauen.

„Bei der Beschreibung der Indigenen stehen einem heute die Haare zu Berge“, erklärt Heinecke. Trotzdem habe er sich dafür entschieden, das Tagebuch zu veröffentlichen, auch als Einblick in die Gedankenwelt von Menschen im 19. Jahrhundert. „So ein Fund bringt Verantwortung mit sich: Hätte ich ihn in die Tonne gehauen, wäre er für immer weg gewesen.“ Zumal das Original verschollen ist. Die Quelle zeigt auch den Zwiespalt im Verhalten der Deutschen gegenüber den Menschen in der Südsee und in Ägypten. Da ist auf der einen Seite eine brutale Strafexpedition im Bismarck-Archipel, auf der anderen die Geschichte, in der die Habicht eine Gruppe schiffbrüchiger Indigener rettet. „Spannend ist auch der Wechsel im Tonfall, wenn es um die Bombardierung Alexandrias geht“, erzählt Heinecke. Als „strammer Soldat“ kommentierte Schmeißer den Beschuss, andererseits befiel ihn der Katzenjammer beim Anblick der zerstörten Stadt.

Richard Schmeißer wurde später zum Oberbootsmannsmaat befördert, erkrankte aber wenige Jahre später schwer. Die letzten zwei Jahre seines Lebens verbrachte er in Heilanstalten. Er wurde gerade einmal 40 Jahre alt. Sein Tod hatte ein langes Nachspiel. Auch dazu liegt Andreas M. Heinecke eine Quelle im Familienarchiv vor. Eine dicke Personalakte dokumentiert den Krankheitsverlauf sowie Auseinandersetzungen zwischen der Witwe und der Marine um Rentenansprüche und die Versorgung der vier Kinder. Der Sohn kam schließlich in ein Militärwaisenhaus in Potsdam, die Mädchen ins Mädchenwaisenhaus Schloss Pretzsch an der Elbe. Heinecke besitzt noch ein Gruppenbild, auf dem seine Großtante, Schmeißers älteste Tochter Agnes Auguste, zu sehen ist. Über ihr Erbe kam Schmeißers Tagebuchkopie in den Besitz von Heineckes Eltern. Bei einer Reise nach Sachsen-Anhalt suchten und fanden Andreas M. Heinecke und seine Frau die Stelle des Gruppenfotos wieder.

















