Mittwoch, März 4, 2026

Umkämpfter Buchmarkt: Werne ist noch im Rennen

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Werne. In Deutschland gibt es immer weniger Buchhandlungen. Zwischen 2018 und 2023 sank die Zahl um ein Viertel, wie das Statistische Bundesamt zur Frankfurter Buchmesse im vergangenen Herbst ermittelte.

Trotzdem kann sich der Buchmarkt behaupten. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels verzeichnete 2024 ein leichtes Umsatzplus: von 9,71 Milliarden Euro im Jahr 2023 auf 9,88 Milliarden im Folgejahr. „Getrieben wird die positive Entwicklung von der Buchbegeisterung junger Menschen zwischen 16 und 29 Jahren“, sagte Karin Schmidt-Friderichs, Vorsteherin des Börsenvereins.

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Eine Entwicklung, die sich auch in Werne abzeichnet, wie Buchhändler Hubertus Waterhues von Bücher Beckmann erklärt. Das Interview führte Anke Barbara Schwarze.

Hubertus, was hält deine Buchhandlung am Leben, während andere aufgeben mussten?

Hubertus Waterhues: Vor etwa zehn Jahren habe ich vor meinem Team gestanden und gesagt: Das Wettrennen ist eröffnet. Es wird zahlreiche Schließungen im Buchhandel geben. Jetzt geht es darum, länger durchzuhalten als andere. Das ist uns bis heute gelungen.

Worauf führst du das zurück?

Wir haben einen Zuwachs an Stammkunden aus dem Umland, wo früher verdiente Kollegen und Kolleginnen ansässig waren, die heute nicht mehr da sind. Gott sei Dank gibt es noch eine Klientel, die unabhängige, inhabergeführte Buchhandlungen als ihre literarische Heimat aufsucht. Wir erleben gerade regelmäßig, dass uns unbekannte Menschen hereinkommen, sich erst einmal umschauen und dann sagen: „Das ist ein tolles Sortiment, wir kommen gern wieder.“ Auf diese Weise können wir ortsansässige Frequenzverluste abfedern.

Wie ist da die Entwicklung?

2008 habe ich mitten im Jahr diese Buchhandlung von Jürgen Zimmermann übernommen. Am Nikolausabend darauf hat meine Kasse die Botschaft ausgeworfen, dass sie den 600. Bon dieses 6. Dezembers 2008 ausgestellt hat. Von diesem Spitzenwert wagen wir heute nicht einmal mehr zu träumen, geschweige denn davon, ihn je wieder zu erreichen.

Du bietest viele Veranstaltungen – Lesungen, Vorträge, Buchabende – an. Hilft das auch dem Buch?

Mein Hintergedanke dabei ist: Sobald jemand in Werne an Bücher oder Literatur denkt, soll Bücher Beckmann automatisch mitgedacht werden. Ich möchte für die Werner Bürgerinnen und Bürger die erste Adresse für Literatur sein.

Merkt ihr hier ebenfalls etwas vom neuen Interesse einer jungen Generation an den Sparten „New Adult“ und „Romantasy?

Auf jeden Fall! (Er deutet auf ein Regal mit farbenfrohen Buchrücken. Oben auf dem Regal steht „D.Scheck-Weg-Eck“). Denis Scheck ist eine Pestilenz für den Buchhandel. Er hat sinngemäß gesagt, New Adult habe mit Literatur so viel zu tun wie Systemgastronomie mit Ernährung. Aber das Bild stimmt nicht. 80 Millionen Deutsche können schließlich nicht zu den zwölf Drei-Sterne-Köchen gehen, die wir hier haben. Weiße männliche Boomer – zu denen ich selbst gehöre – haben nun einmal andere Interessen als etwa weibliche Millennials. Das liegt in der Natur der Dinge. Entscheidend ist doch, dass ich mich von einem Buch unterhalten fühle oder dass es mir einen neuen Blickwinkel eröffnet.

Hast du da ein Beispiel?

Ich bin über ein Buch von Johannes Mario Simmel zur Lyrik gekommen: Im Roman „Und Jimmy ging zum Regenbogen“ ging es um Kodierungstechniken und der Schlüssel war Goethes Gedicht „Ginkgo biloba“. Das kann ich heute noch auswendig. Das war im Grunde der Beginn meiner Laufbahn als Buchhändler. Daher: New-Adult-Reihen sind ein Türöffner für Buchhandlungen. Der andere Türöffner ist die Spiegel-Bestsellerliste. Wer ein Buch verschenkt, dass auf dieser Liste steht, weiß: Dieses Buch wird von vielen akzeptiert, und wer es kennt, kann mitreden.

Christian Sprang, Jurist des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, wurde im Spiegel zitiert mit der Aussage: Wer keinen KI-Schrott will, soll in die örtliche Buchhandlung gehen. Wie stehst du dazu?

Das unterschreibe ich ausdrücklich. Wir achten sehr darauf, dass unsere Bücher hier nicht mit künstlicher Intelligenz generiert worden sind. Viele Verlage, auch die großen, geben in der Hinsicht deutliche Willenserklärungen ab, sogar bis hin zum Verbot von KI. Das unterstützen wir natürlich. Ich genieße die Möglichkeiten moderner Techniken. Und wenn wir über Produktivitätssteigerung reden, dann gehören bestimmte Automatisierungen dazu. Das Problem aus meiner Sicht ist aber, dass gerade der Erfolg der großen Sprachmodelle auf einem der größten Diebstähle der Menschheitsgeschichte beruht.

Was meinst du damit?

Diese Modelle sind mit Material trainiert worden, das geistiges Eigentum ist. Nur, weil „geistig“ davorsteht, wird diese Form von Eigentum nicht entwertet. Doch die Urheberinnen und Urheber dieser Werke sind von den Entwicklern der Large-Language-Modelle so beklaut worden, dass sie es nicht einmal bemerkt haben. Die Schriftstellerin Nina George, Mitglied der Schriftstellervereinigung PEN (Poets, Essayists, Novelists, Anmerkung der Redaktion), kämpft international vehement für das Recht von Autorinnen und Autoren am eigenen Text. Ich bin schon dünnhäutig, wenn es um KI-Cover geht. Es muss schon gute Argumente geben, damit wir das ins Lager nehmen.

Vielleicht sind Cover in Zukunft gar kein so großes Thema mehr. Die Frage ist ja, ob das gedruckte Buch überhaupt eine Zukunft hat.

Ich bin mir absolut sicher, dass es in zehn, in 15 und sogar in 25 Jahren noch klassisch gedruckte Bücher geben wird. Und zwar wegen der Kinderbücher. Die sind unglaublich liebevoll und kreativ gestaltet. Wer mit solchen Büchern aufwächst, landet irgendwann bei Literatur. Wir müssen uns außerdem klarmachen, dass wir die Langlebigkeit elektronischer Daten gar nicht abschätzen können. Wenn ich in die Klosterbibliothek gehe und dort eines der alten Bücher aufschlagen würde, erkenne ich, was vor 500 Jahren geschrieben wurde. Meine ersten Seminararbeiten habe ich auf einem frühen Computersystem geschrieben. Heute ist es ein Riesenproblem, diese Texte noch lesbar zu machen.

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