Werne. Zuversicht anstelle von Angst, gestalten statt nur zu ertragen: Dafür appellierte Jürgen Wiebicke am Freitagabend (11. September 2026) im Kolpinghaus Werne.
Der Journalist, Philosoph und Autor warb angesichts der aktuellen politischen Lage in Deutschland und in der Welt für einen Perspektivwechsel. An seiner Frage, woher Zuversicht kommen kann, entzündete sich eine lebhafte Diskussion mit dem Publikum. Genau diesen offenen Austausch hatte das Team der VHS Werne bezweckt, als es unter dem Motto „Werne, demokratisch stabil?!“ zur Auftaktveranstaltung ins neue Semester einlud.
„Für eine Demokratie ist es wichtig, miteinander im Gespräch zu bleiben“, sagte Marita Funhoff, die als stellvertretende Bürgermeisterin den Abend eröffnete. Und die Volkshochschule wiederum sei dafür ein wichtiger Ort. „Denn sie hat sich dem Austausch verschrieben.“ Den regte Jürgen Wiebicke an, indem er sich nicht mit Gefahren befasste, die der Demokratie durch rechtsextreme Strömungen drohen. Und das bewusst: „Wenn wir nur in der Angst verharren, Geschichte wiederhole sich, liefern wir einen Beitrag dazu, dass es vielleicht soweit kommt.“ Demokratie brauche Menschen, die überzeugt seien, Akteure sein zu können.

Als Beispiel schilderte er eine Dorfgenossenschaft im Spessart, die eine Bäckerei rettete. Die Idee dazu entstand bei einem geselligen Treffen am Rande einer Fastnacht. Einige Bürgerinnen und Bürger beschlossen, die Bäckerei gemeinsam weiterzuführen. „Wenige bewirken viel“, sagte Wiebicke. Demokratien lüden ein, etwas zu tun. Diktaturen bremsten Eigeninitiative aus. „Mit selbstbewussten Bürgern wollen die nichts zu tun haben.“ Damit gute Ideen in die Welt kämen, brauche es allerdings Orte, an denen Menschen zwanglos zusammenkommen. Reale Orte, keine virtuellen. So erzählte der Autor weiter von einem westfälischen Dorf, in dem eine geschlossene Kneipe zunächst alle vier Wochen zum Café wurde. Daraus entwickelte sich ein regelmäßiges Angebot mit zahlreichen Helfern.

VHS-Leiterin Stephanie Fuchs griff den Gedanken auf und verwies auf das Engagement in Vereinen. „Zwei oder drei Leute sitzen zusammen beim Bierchen. Einer hat eine Idee, nimmt einen Bierdeckel und schreibt darauf, was gebraucht wird. Und dann wird umgesetzt und plötzlich ist aus einer Idee Wirklichkeit geworden.“ Auf der anderen Seite, das betonte Wiebicke mehrmals, muss Demokratie auch aushalten, dass Menschen sich nicht für das Gemeinwohl interessieren. In einer freien Gesellschaft sei man eben auch frei, sich zurückzuziehen. Sein Verständnis endete bei jenen, die der Politik in Deutschland grundsätzlich mit Geringschätzung begegnen. „Verachtung für Politik ist eine Form der Wohlstandsverwahrlosung.“
In Schulen, so fügte Wiebicke hinzu, erlebe er derzeit ein gesteigertes Interesse für Demokratie. „Die jungen Menschen sind hellwach, die merken, dass es um ihre Lebensläufe geht.“ Marita Funhoff verwies darauf, dass erst vor wenigen Tagen die AG „WEREmember – WE ACT“ des Anne-Frank-Gymnasiums Werne den Demokratiepreis des Kreises Unna erhalten hatte. Dr. Karina Hauke-Hohl von der Landeszentrale für politische Bildung berichtete, dass sich immer mehr Menschen bei ihrer Einrichtung nach Möglichkeiten für politisches Engagement erkundigten.

An der anschließenden Podiumsdiskussion beteiligten sich – neben Wiebicke und Hauke-Hohl – Buchhändler Hubertus Waterhues sowie Alexander Trennheuser vom Verein „Mehr Demokratie“. Moderiert wurde die Diskussion von Stephanie Fuchs und dem Dozenten Kai Kaufmann. Die Zuhörerinnen und Zuhörer zeigten sich sehr interessiert, wofür die mehr als einstündige Debatte nach dem Vortrag sprach.





















