Ankes Buchtipp: Diese Geschichte möchte man nicht nur einmal erleben

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Werne. Gemeinsam mit Hubertus Waterhues und seinem Team von Bücher Beckmann empfiehlt unsere Autorin Anke Barbara Schwarze hier jeden Monat ein Buch, das sie besonders begeistert hat. Das kann ein Roman sein, ein Kinderbuch, ein Sachbuch oder ein Kochbuch: Hauptsache, es gefällt. Diesmal: „Solange ein Streichholz brennt“.

Möchte man die Beziehung zwischen Bohm und Alina als Slow Burner begreifen, ist das titelgebende Streichholz ein Symptom dafür. Als sich der Obdachlose und die Journalistin zum ersten Mal auf einem Flohmarkt begegnen, weigert er sich, ihr beim Anzünden zu helfen. Wenige Begegnungen später demonstriert er ihr, wie man mit den Hölzchen umgeht. Schließlich zeigt sie ihm, dass man manchmal die Dinge am verbrannten Ende angehen muss, um sie zu richten. „Solange ein Streichholz brennt“ von Christian Huber gehört zu den Büchern, die man ein zweites Mal lesen kann. Weil man den Protagonisten nochmals begegnen möchte. Manche Szenen nochmal durchleben, manche Gedanken vertiefen möchte. Weil man schnell in den Fluss der präzisen, oft sinnlichen Sprache findet.

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Gut beobachtet

Erzählt wird die Geschichte abwechselnd aus der Sicht von Bohm und Alina. Die anfängliche Skepsis zwischen den beiden ist so groß wie die Entfernung ihrer Lebenswelten voneinander. Bohm lebt auf der Straße, buchstäblich im Dreck, Alina in der schillernden Medienwelt Kölns. Trotzdem ist da von Anfang an ein Funke zwischen ihnen. Wie dieser sich nach und nach entzündet, erzählt Christian Huber glaubwürdig anhand kleiner Gesten. Der Autor ist ein guter Beobachter, und diese Eigenschaft gibt er seinen beiden Hauptfiguren mit. Alina sieht nicht nur den stinkenden, triefenden Mann, sondern auch einen Menschen, mit dem sie reden und lachen kann, der hilft. Bohm wiederum fällt die Erschöpfung hinter der gepflegten Fassade der Großstadt-Journalistin auf. Er mag ihr Lachen. Unabhängig voneinander finden beide heraus, dass Bohms Hund sich am liebsten unterm Halsband kraulen lässt. Huber schreibt das erst über Bohm, dann an späterer Stelle fast nebenbei über Alina – so unaufdringlich, wie der Autor die ganze sich anbahnende Beziehung beschreibt.

Wie Schampus und Terpentin

Die gegensätzlichen Sphären von Alina und Bohn veranschaulicht Christian Huber eindringlich. Wenn Bohm in Mülltonnen wühlt, springt einen der Gestank förmlich an. Wenn Alina im Edellokal wartet, beginnt der aufgesetzte Geräuschpegel der Gäste nicht nur sie zu nerven. Die eine Welt kennt Huber als Autor für Print, Online und Fernsehen. Über die andere  muss er gründlich recherchiert haben. Zunächst ist es genau dieser Kontrast, auf dem die Spannung aufbaut. Das Prickeln von Schampus am Ende des einen, ein Geschmack wie Terpentin zu Beginn des nächsten Kapitels.

Doch dann gewinnt der Plot an Tempo. Bohm rennt um das Leben seines Hundes. Er rennt aus der U-Bahn, um Alina zu helfen. Flieht vor der Polizei. Vor allem flieht er vor seinen Erinnerungen. Die hält Huber nicht zurück, um künstlich Spannung zu erzeugen. Sondern Bohm selbst ist es, der sofort abblockt, wenn bestimmte Wortfetzen sein Bewusstsein erreichen. Neben den schnellen Passagen gibt es auch amüsante – wie die skurrile Begegnung zwischen Bohm und Alinas Eltern. Eine Kirmes wird zum Wendepunkt in der Beziehung zwischen Bohm und Alina. Huber bewirkt eine sanfte Annäherung ohne plakative Romantik.

So entgleitet ein Leben

Alinas Welt dient ihm als Aufhänger, um Kritik an der modernen medialen Berichterstattung zu üben. An Effekthascherei, an manipulativen Schnitttechniken, am Druck der Einschaltquoten, der nach unten weitergegeben wird. Da wird in einer Redaktionskonferenz schon mal überlegt, einen Hund sterben zu lassen, um die Zuschauenden bei der Stange zu halten. Wie mit einer nüchternen Kamera fängt Huber diese Szene ein. Alinas Gedanken, die regelmäßig reflektieren und kommentieren, schweigen an der Stelle. Allein durch ihre Interaktion wirken die Kollegen der jungen Frau unsympathisch. „Wie entgleitet ein Leben?“, will Alina ihre Reportage über den Obdachlosen Bohm nennen.

Beantwortet wird diese Frage erst am Schluss. Im Verlauf dieser Schilderung erkennen Außenstehende, wo Bohm die Weichen anders hätte stellen können. Aber das ist die Crux: Von außen lässt sich leicht auf ein Leben schauen. Mit dem eigenen sieht es anders aus. Während des Lesens beginnt man unwillkürlich nachzudenken: Wo sind die eigenen Schalthebel? Wofür würde ich die 1000 Euro brauchen, die Bohm für die Reportage versprochen werden? Das Ende des Romans bleibt offen, eine Richtung deutet sich an.

Christian Huber: Solange ein Streichholz brennt. Gebundene Ausgabe. 352 Seiten, ca. 23 Euro.

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