Eine volle Kirche für Menschen, die oft unsichtbar bleiben

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Werne. Bis auf den letzten Platz war die Kirche St. Christophorus besetzt. Am Ende erhob sich das Publikum zu langen stehenden Ovationen. Dazwischen lag ein Abend, der weit über ein Konzert hinausging: „Musik, die Hoffnung gibt“ brachte am Sonntag, 18. Oktober, Menschen zusammen, um auf das Leben mit ME/CFS, eine unheilbare Erkrankung, aufmerksam zu machen. Unter den Gästen waren auch Erkrankte und Angehörige.

Die Idee zu dem Benefizkonzert hatte Sopranistin Dagmar Wensing. Unter der musikalischen Gesamtleitung von Dr. Hans-Joachim Wensing gestalteten der Chor Vocapella, Pianist Claudius Stevens und Dagmar Wensing das Programm. Dr. Gaby Angenendt führte durch den Abend und verband die Musik mit Informationen über die Erkrankung und die Lebenswirklichkeit der Betroffenen.

Im Mittelpunkt standen Werke von John Rutter. Die Wahl hatte einen persönlichen Hintergrund: Der britische Komponist berichtete selbst öffentlich von sieben Jahren mit ME. Seine Musik verband sich an diesem Abend mit dem Anliegen, Menschen Gehör zu verschaffen, deren Erkrankung sie häufig aus dem öffentlichen Leben verdrängt.

Vocapella ließ die Schönheit dieser Musik unmittelbar erfahrbar werden. Der Chor sang mit Wärme, Ausdruck und einer spürbaren Hingabe an die geistlichen Texte. Die Stimmen verbanden sich zu einem Klang, der Lebensfreude ebenso vermitteln konnte wie Verletzlichkeit und Trost. Gerade darin lag die besondere Kraft dieses Abends: Die Musik ließ Raum für das Schwere, ohne ihm das letzte Wort zu überlassen.

Dagmar Wensings Sopran verlieh dem Programm zusätzlichen Glanz und berührende Innigkeit. Ihr Gesang verband klangliche Schönheit mit persönlichem Ausdruck. Dass von ihr auch die Idee zu diesem Konzert stammte, gab ihrem Mitwirken eine besondere Bedeutung: Aus einem Gedanken der Anteilnahme war ein gemeinsamer musikalischer Abend geworden.

Am Klavier erwies sich Claudius Stevens als einfühlsamer Begleiter. Sein Spiel trug Chor und Solistin, gab Halt und ließ zugleich Raum zum Atmen. Die Begleitung war ein wesentlicher Teil des musikalischen Ausdrucks – aufmerksam, verbindend und dem gemeinsamen Klang verpflichtet.

Zusammengehalten wurde das Programm durch das souveräne Dirigat von Dr. Hans-Joachim Wensing. Mit sicherer Führung und musikalischem Gespür verband er die Mitwirkenden zu einem Ganzen. Die unterschiedlichen Werke fanden unter seiner Leitung zu einem gemeinsamen Ausdruck, der dem Anliegen des Konzerts seine besondere Eindringlichkeit verlieh.

Von „For the Beauty of the Earth“ und „All Things Bright and Beautiful“ führte das Programm über Mozarts „Laudate Dominum“ und Rutters „Look at the World“ zu Werken, die Trost und Frieden zum Ausdruck bringen. Francks „Panis Angelicus“, Arcadelts „Ave Maria“, Grells „Herr, deine Güte“ und Mozarts „Ave verum corpus“ fügten sich in diesen musikalischen Weg ein. Schönheit erhielt hier einen tieferen Sinn: Sie konnte für einen Moment tragen, wo Worte an ihre Grenzen kamen.

Tina Kemper berichtete von ME/CFS nach einer Corona-Infektion und den anhaltenden gesundheitlichen Folgen.

Wie grundlegend eine Erkrankung das Leben verändern kann, schilderte Tina Kemper. Sie berichtete von ME/CFS nach einer Corona-Infektion und den anhaltenden gesundheitlichen Folgen. Schon kleine alltägliche Verrichtungen könnten schwere Erschöpfung auslösen. Hinzu kämen Konzentrationsstörungen, der Verlust von Geruchs- und Geschmackssinn sowie Einschränkungen der Kälte- und Wärmeregulierung. Ihr Bericht machte deutlich, wie tief eine solche Erkrankung in die Selbstständigkeit und den Alltag eingreifen kann.

Angenendt erläuterte ein wesentliches Merkmal von ME/CFS, das häufig auch eine Folge einer Corona-Infektion ist: Bereits geringe Belastungen können die Beschwerden deutlich verschlimmern, häufig zeitverzögert und über Tage oder Wochen, manchmal lebenslang. Diese sogenannte Post-Exertionale Malaise, kurz PEM, schränkt den Handlungsspielraum vieler Erkrankter erheblich ein.

Auch die Videos gaben der Erkrankung Gesichter. Eines davon war das des neunjährigen Leander, der dem gezeigten Beitrag zufolge seit einem Jahr nicht mehr zur Schule gehen kann. Ein weiterer Bericht erzählte von Kathi, 29 Jahre jung, die zeitweise nur noch Flüssignahrung zu sich nehmen konnte. Sie starb im Frühjahr 2026 durch assistierten Suizid, den Betroffene immer häufiger wählen. Ihre Geschichte verdeutlichte die außerordentliche Schwere von ca. 25 Prozent der Krankheitsverläufen – und die Notwendigkeit verlässlicher medizinischer und menschlicher Unterstützung.

Der zweite Videobeitrag richtete den Blick auf Forschung und Perspektiven: Ein Ausschnitt aus einem Interview von Dr. Eckart von Hirschhausen mit Prof. Dr. Carmen Scheibenbogen von der Berliner Charité stellte die wissenschaftliche Beschäftigung mit ME/CFS in den Mittelpunkt.

Hoffnung erhielt dabei eine konkrete Bedeutung: Menschen, die zuhören und bleiben; Ärztinnen und Ärzte, die die Beschwerden ernst nehmen; Forschung, die nach wirksamen Behandlungen sucht. Ein Gedanke aus Angenendts Moderation bündelte das Anliegen: „Wenn ein Mensch nicht mehr sichtbar ist, bedeutet das nicht, dass er nicht mehr da ist.“

Mit Rutters „A Clare Benediction“ fand das Programm einen berührenden Abschluss. Der musikalische Segenswunsch ließ noch einmal zusammenfinden, was den Abend getragen hatte: Anteilnahme, Verbundenheit und die Hoffnung, auch in schwerer Krankheit nicht allein zu sein. Musik kann Krankheit nicht aufheben. Doch sie kann Menschen einander näherbringen und ihrem Leid einen Platz im gemeinsamen Bewusstsein geben.

Die langen stehenden Ovationen würdigten die musikalische Leistung aller Beteiligten und einen Abend, der weit über den Kirchenraum hinausweisen wollte.

Die gesammelten Spenden – die erste Zählung erbrachte eine Summe von rund 1.730 Euro – sollen der Patientenorganisation „NichtGenesen“ zugute kommen. Der Zusammenschluss aus Erkrankten und Angehörigen engagiert sich für Forschung, Anerkennung der Erkrankung und eine bessere Versorgung sowie in der Selbsthilfe.

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