Werne. Die Stadtbücherei Werne ohne Gerlinde Schürkmann? Eigentlich unvorstellbar – und doch geht die beliebte Leiterin nun offiziell in den Ruhestand. Am 2. Januar 1989 wurde sie Stellvertreterin von Günter Hohage, in dessen Fußstapfen die heute 64-Jährige nur wenig später trat.
Dieser Weg war eigentlich gar nicht vorgezeichnet, wie die Lese- und Literaturpädagogin im großen WERNEplus-Interview erzählt. Als „Werner Kind“ aus Stockum hatte Gerlinde Schürkmann dann aber ihre Berufung gefunden und in den vergangenen Jahrzehnten viel in der Stadtbücherei bewegt.
Eine Bibliothek zu leiten, dazu wäre es beinahe nicht gekommen. Wie haben Sie dennoch diesen Weg gefunden?
Nach dem Abitur habe ich Bibliothekswesen in Köln studiert – und wollte das Studium nach dem ersten Semester schon schmeißen. Es war mir zu theoretisch, ich hatte andere Vorstellungen. Doch ein Praktikum in der Bücherei in Soest hat mir so gut gefallen. Die dortige Leiterin motivierte mich, nicht aufzugeben und durchzuhalten. Die Realität sei anders als in der Theorie. Sie hatte recht. Nach dem Studium konnte ich wichtige Berufserfahrungen in Datteln sammeln, bevor ich mich auf die Stelle in meiner Heimatstadt beworben und bekommen habe.
Was hat für Sie die Arbeit als Leiterin ausgemacht?
Kreativ zu arbeiten und Ideen umzusetzen – gemeinsam mit dem Team und den Dezernenten und dabei immer den Rückhalt aus Politik und Verwaltung gespürt zu haben. Dass rund 40.000 Menschen jährlich in die Stadtbücherei kommen ist schon eine beeindruckende Zahl, die Bestätigung unserer Arbeit ist und mich mit Stolz erfüllt. Wir sind da auf dem richtigen Weg, flankiert von einem engagierten Förderverein, ohne den Projekte wie die „Leihbar“ oder „Saatgut leihen – Vielfalt ernten“ nicht realisierbar gewesen wären.
Das Alte Steinhaus ist der inzwischen dritte Standort der Stadtbücherei. Wegen Sparzwängen sollte diese 2010 ins Stadthaus umziehen. Wie groß war die Freude, als die Pläne nicht umgesetzt wurden?
Die Atmosphäre macht eine Menge aus, daher fühlen sich die Leute im Alten Steinhaus auch wohl. Die Flächen lassen sich perfekt aufteilen, um unterschiedliche Angebote zu schaffen.
Welche Zeit war als Bücherei-Leiterin in den ganzen Jahren besonders herausfordernd?
Besonders schwierig war es während der Corona-Pandemie unsere Kunden trotz zeitweiser Schließung zu erreichen und an uns zu binden. Wir haben Abholtermine vereinbart, mussten aber jeden Tag auf neue Erlasse schauen und mit dem Ordnungsamt sprechen, um zu sehen, was möglich ist und was nicht. Die Zahl der Schnupperausweise für die Onleihe ist damals in die Höhe geschossen.
„Das Wir-Gefühl prägt die Zusammenarbeit, alle fühlen sich miteinander verbunden. Die Unterstützung durch die Politik ist das Sahnehäubchen.“
Gerlinde Schürkmann in ihrem Fazit.
Worauf blicken Sie sehr gerne zurück?
Die Zusammenarbeit mit den Kitas und Schulen im Bereich der Leseförderung haben wir immer weiter entwickelt und ausgebaut, für Schulprojekte haben wir Preise gewonnen. Die Resonanz auf unseren Aufruf, Vorleser zu finden, war überwältigend. Unsere Leseförderaktionen wurden NRW-weit bekannt. Die Digitalisierung sorgte unter anderem beim SommerLeseClub wieder für höhere Anmeldezahlen, weil Marion Gloger anregte, die „neuen Medien“ zu integrieren.
Die schönste Veranstaltung ist „Werne liest“, weil sie offenbart, wie viele Menschen in Werne Interesse zeigen, Kinder für das Lesen zu begeistern. Die Stadtbücherei ist gut vernetzt und erreicht diejenigen, die sich engagieren möchten – egal ob Bücher Beckmann, die Lesewelt oder das Kulturbüro. Das Wir-Gefühl prägt die Zusammenarbeit, alle fühlen sich miteinander verbunden. Die Unterstützung durch die Politik ist das Sahnehäubchen.
Gerne erinnere ich mich auch an „Märchenhaftes Werne“, das eigentlich nur eine Woche gehen sollte. Am Ende wurde es ein ganzes Jahr mit vielen tollen Veranstaltungen.

Was wünschen Sie sich für die Stadtbücherei nach der „Ära Schürkmann“?
Wir haben in den Jahrzehnten nichts an der Eingangssituation ändern können. Der Zugang ist dunkel und nicht barrierefrei, aus finanziellen Gründen kam es nie zur Öffnung zum Moormannplatz hin. Da würde die Stadtbücherei noch besser wahrgenommen werden.
Welche Bücher begeistern Sie ganz privat?
Ich lese gerne Krimis, aber auch nach wie vor Kinderbücher. In meiner Familie war das Lesen nicht so präsent. Als Zehnjährige habe ich von meiner Oma „Pippi Langstrumpf“ geschenkt bekommen. Die Abenteuer haben mich ermutigt. Dann haben mir meine Eltern auch einen Büchereiausweis besorgt.
Neben Astrid Lindgren und Erich Kästner gehören auch Titus Müller und der Syrer Rafik Schami, der beeindruckend über sein Heimatland schreibt, zu meinen Lieblingsautoren. Auf Reisen oder beim Bügeln dürfen es auch gerne einmal Hörbücher sein.
Wie soll Ihre Zeit im Ruhestand aussehen?
Ich habe nun mehr Zeit für Familie und Freunde, werde sicherlich viel reisen; Skandinavien reizt mich, in Hamburg oder Großbritannien bin ich auch immer gerne. Eine große Rolle spielt für mich auch das Ehrenamt, ich möchte mich weiter in dieser Stadt einbringen, in welche Richtung das geht, lasse ich auf mich zukommen. Auch den Kontakt zur Bücherei werde ich nicht verlieren, das Team ist zu einer zweiten Familie geworden.
Am Mittwochmorgen wird Gerlinde Schürkmann im kleinen Kreis auch durch Bürgermeister Lars Hübchen verabschiedet.





















