Werne. „Ich glaube, wir haben an diesem Abend das Gemeinschaftsgefühl der alten Werner Kneipenszene wieder aufleben lassen“, sagt Museumsleiter Flemming Feß über das Erzählcafé, zu dem er Anfang Mai in die Westfälische Stube geladen hatte. Etwa 35 Teilnehmerinnen und Teilnehmer kamen, erzählten und diskutierten.
Eine Podiumsdiskussion mit Christian Havers von Haus Havers und Petra Neuhäuser vom Restaurant Ickhorn stimmte auf das Thema „Kneipenkultur in Werne“ ein. Danach waren alle gefragt, ihre Erinnerungen an Familienfeiern, große Gesellschaften oder entspannte Abende auszutauschen. Immer wieder kam die einst hohe Kneipendichte in Werne zur Sprache. „In der allgemeinen Stimmung herrschte schon das Gefühl vor, dass mit dem Kneipensterben ein Kulturverlust einhergehe“, sagte Feß. Trotzdem gab es die Gewissheit, dass immer noch Stammkunden und Stammtische das Geschäft beleben.
Als es kaum Fernseher, keine Computer und kein Internet gab, prägten Gaststätten und Ausflugslokale das Stadtleben in Werne viel stärker als heute. Am Tresen tauschten Bergleute, Bauern und Knechte nach der Arbeit den neuesten Klatsch aus, hier wurden sogar Lehrstellen vermittelt. In Werne spiegelte die „Landschaft“ der Gaststätten die Entwicklung vom ländlichen Kleinstädtchen zur kleinen Industriegemeinde. Mit Teufe der Zeche 1899 wuchs die Bevölkerung und mit ihr die Zahl der Sport-, Gesang- und Brieftaubenvereine. Diese brauchten Räume für ihre Sitzungen und Feste.

Das Hotel Overmann an der Bonenstraße beheimatete zeitweise 14 Kegelclubs. Heinrich Zinke baute eine alte Scheune hinter seiner Gaststätte an der Großen Burgstraße zum Viktoria-Saal um. Dort wurde nicht nur gefeiert. In Ermangelung einer eigenen Halle turnten die Mitglieder des TV Werne 03 bis Ende der 1920er-Jahre bei Zinke und bei Möllenbrink.
Verwittert, aber noch lesbar ist der Schriftzug an dem historischen Haus an der Steinstraße: „Rudolf Möllenbrink“. Mehr als 100 Jahre lang stand der Name für eine der bekanntesten Werner Gaststätten. Bis die letzte Wirtin Josefa Möllenbrink (†) Ende 1993 den Zapfhahn hochdrehte. Damit versiegte auf der früheren Gaststättenmeile an der Steinstraße die letzte „Bier-Quelle“. Die Feuerwehr, der TV Werne und die Bürgerschützen hatten die Gaststätte zu ihrem Stammlokal erkoren. Auch Ratsmitglieder kamen nach ihren Sitzungen gern zu Möllenbrinks. „Wenn ich zu sehr mit Zapfen beschäftigt war, hat sich der Stadtdirektor Georg Wuermeling auch schon mal höchstpersönlich seine Eier in die Pfanne gehauen“, erzählte Josefa Möllenbrink in einem ihrer letzten Interviews.

Ein Pferdestall war für Gaststätten wichtig, die nahe an der Christophorus-Kirche lagen. Hier konnten die Kirchgänger aus den umliegenden Bauernschaften ihre Pferde ausspannen und versorgen. Gerne wurde dafür die Gaststätte Resmann an der Burgstraße wegen ihrer großen Scheune genutzt. Die mit dem Kohleabbau einhergehenden Verbesserungen der Infrastruktur wirkten sich ebenfalls auf die Kneipenkultur aus. 1928 entstand mit dem Bahnhof in Werne die Bahnhofsgaststätte.
Im Zentrum von Werne liegt eines der ältesten Gasthäuser Westfalens, das Hotel Baumhove. Die urkundlichen Nachweise reichen zurück bis zum Ende des 15. Jahrhunderts. Das Gasthaus befand sich immer im Familienbesitz, allerdings unter verschiedenen Namen. Denn der Betrieb wurde jahrhundertelang über die Töchter weitervererbt. 1824 wurde die Baumhovesche Altbierbrauerei gegründet. Von dieser Tradition zeugt heute noch ein Lastrad in der hinteren Gaststube. Damit konnte früher das Getreide für das Bier zur Lagerung in den Dachstuhl hochgezogen werden. Im Ersten Weltkrieg musste der Brauereibetrieb aufgeben. Der Staat ließ die kupfernen Braukessel, die damals in der Tenne standen, für seine Rüstungsindustrie beschlagnahmen.

Im Bereich eines der früheren Stadttore, dem Steintor, liegt die „Hornemühle“. 1738 ließen die Prämonstratenser des Klosters Cappenberg am Hornebach eine Holzschneidmühle errichten. Später nutzte die Familie Moormann die Mühle als Getreidemühle für ihre Brennerei. 1911 errichteten Moormanns an dieser Stelle ein Gasthaus. Das dreigeschossige Gebäude mit Mansardendach steht noch heute. Erster Wirt wurde der Küfermeister Theodor Fränzer. Nachdem ihm ein Fass über den Fuß gerollt war, konnte er sein Handwerk nicht mehr ausüben und wechselte in die Gastronomie.
Seit Ende des 18. Jahrhunderts, als die Städte immer größer wurden, entdeckten die Bewohner die Landpartie als neue Freizeitbeschäftigung. Als die münsterländische Tradition der Kaffeeausflüge ihren ersten Höhepunkt erreichte, richteten Kötter und Bauern in ihren Häusern Gaststuben ein. So auch Johann Heinrich Stuff und seine Frau Gertrud 1841 an der Selmer Landstraße. Außerdem legte das Ehepaar eine Gartenanlage mit Bäumen an. Der idyllische Ort lockte fast anderthalb Jahrhunderte lang Gäste an – bis er zu Ostern dieses Jahres endgültig schloss.
INFOKASTEN
Das Erzählcafé gehört zum Projekt „MemoryLab“. Mit diesem Mitmachprojekt wollen Stadtmuseum und Bürgerdialogmanagement die neueste Geschichte der Stadt Werne in die Dauerausstellung integrieren. Alle Bürgerinnen und Bürger sind aufgerufen, mit ihren Erinnerungen zu einer lebendigen Stadtgeschichte beizutragen. Gesucht werden Erlebnisse zu Themen wie Kalter Krieg, Ölkrise, Wiedervereinigung oder dem Verschwinden der beliebten Postleitzahl 4712. Beiträge können online über das Portal Beteiligung.NRW oder bei einem persönlichen Termin im Stadtmuseum eingereicht werden. Auf Wunsch werden die Beiträge anonym behandelt.
https://beteiligung.nrw.de/portal/werne/beteiligung/themen/1012738





















