Zwei Bücher, eine Irrfahrt: Homers „Odyssee“ neu erzählt

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Werne. Gemeinsam mit Hubertus Waterhues und seinem Team von Bücher Beckmann empfiehlt unsere Autorin Anke Barbara Schwarze hier jeden Monat ein Buch, das sie besonders begeistert hat. Das kann ein Roman sein, ein Kinderbuch, ein Sachbuch oder ein Kochbuch: Hauptsache, es gefällt. Diesmal: „Die Odyssee“.

Mit der Odyssee schrieb Homer vor fast 3.000 Jahren eine spannende Story, die bis heute fasziniert. Allerdings selten in der Originalversion, weder im Altgriechischen noch in entsprechenden Übersetzungen. Nun hat der Insel-Verlag Homers Epos in diesem Jahr zweimal neu herausgebracht: als erzählte Fassung und als Graphic Novel. Schon optisch unterscheiden sich die beiden Bücher, wobei jedes auf seine Weise viel hermacht. Mariana Rutz Johnson illustriert die Odyssee in einer Bildsprache, die sich an altgriechischer Vasenmalerei anlehnt. Schwarz und Terrakotta beherrschen die Szenen der Graphic Novel, die Figuren erscheinen häufig im klaren Profil. Die deutlich umfangreichere Schmuckausgabe des Heldenepos besticht durch ein Farbspiel in schwingenden Blautönen, das sich im Farbschnitt fortsetzt.

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Je nach Gusto liest man die illustrierte Fassung als Kurzversion oder vertieft sich in die komplette Geschichte – oder nutzt beides. Denn Homer erzählt die Geschichte des Odysseus nicht chronologisch. Stattdessen springt er zwischen Gegenwart, Erinnerungen, Rückblenden und verschiedenen Perspektiven hin und her. Und das tut er im Original in einem bestimmten Versmaß. Für alle, die sich noch rudimentär an ihren Deutschunterricht erinnern: Das war die Sache mit betonten und unbetonten Silben. Im Altgriechischen beruhen die Hexameter der Odyssee auf einem Wechsel langer und kurzer Silben. Das erschwert die Übertragung ins Deutsche und lässt die Motivation der Lesenden durchaus ins Stocken geraten. Aus diesem Grund entschloss sich der Lehrer Karl Ferdinand Lempp (1913–1986), die Geschichte in erzählende Prosa zu übertragen. Der Althistoriker Michael Schroeder hat diese Übertragung im Insel-Verlag herausgegeben, kommentiert und mit einem Nachwort versehen.

Wie Schroeder in diesem Nachwort erklärt, wollte Lempp die märchenhaften Züge der Odyssee durch eine einfache, „unmittelbar verständliche“ Sprache ausdrücken. Das ist gelungen. Obwohl Jahrtausende zwischen dem Urtext und dem Heute liegen, stehen die Szenen plastisch vor Augen. Etwa, wenn sich Telemachos, der Sohn des Odysseus, zur Ratsversammlung ankleidet, das Schwert umgürtet und zierliche Sandalen unter die Füße bindet. Die Ältesten eilen derweil „im Schmuck ihrer lockigen Haare“ herbei. Die ohnehin stark menschelnden griechischen Götter wirken im Text noch nahbarer. Poseidon „steigerte sich erneut in Wut und schimpfte vor sich hin: ‚Mein Lieber, kämpfe mal schön weiter um Leben und Tod.’“

In der Graphic Novel nimmt sich diese Episode vom schiffbrüchigen Odysseus völlig anders und ebenso eindrucksvoll aus. Poseidon macht hier keine Worte. Die eine Hand zur Faust geballt, in der anderen den angriffslustigen Dreizack sprüht der gezeichnete Meeresgott vor Zorn, ebenso wie die beiden Meerungeheuer, die seinen Wagen ziehen. Der argentinische Schriftsteller Nicolás Schuff erzählt die Odyssee chronologisch, in klarer zeitlicher Abfolge. Wer also zunächst einmal einen Überblick über den gesamten Plot erhalten will, findet in der Graphic Novel eine ebenso anschauliche wie prägnante Zusammenfassung. Dabei bedient sich auch Schuff (Übersetzung: Kim Laura Franzke) einer geradlinigen Sprache. Den spannenden Episoden tut das keinen Abbruch. Wenn sich Odysseus und sein Gefährten zum Beispiel vor dem einäugigen Kyklopen retten, ergänzen Text und Bilder die dramatischen Szenen.

Was Kyklopen sind, wird bei Schuff kurz erklärt. Genaueres erfährt man wiederum in Schroeders Prosaausgabe. Denn diese wartet im Anhang mit einem Hilfsmittel auf, das zu Unrecht fast in Vergessenheit geraten ist: einem Glossar. Nach Seiten geordnet erklärt es, wie viele Zentimeter eine Elle sind, warum der Sonnengott sieben Rinder- und Schafherden hat und wieso Niesen als gutes Zeichen galt. Beide Ausgaben laden dazu ein, die Odyssee als lebendige Geschichte neu zu entdecken: sich auf Homers Erzählweise einzulassen oder sich mit der Graphic Novel eine bildhafte Orientierung zu verschaffen. Jedes Buch steht für sich, beide lassen sich aber hervorragend kombinieren.

Homer: Die Odyssee. Klassiker im Insel Verlag, aus dem Altgriechischen von Karl Ferdinand Lempp, herausgegeben von Michael Schroeder, Insel Verlag 2026, gebunden, 454 Seiten, 18 Euro (Schmuckausgabe)

Nicolás Schuff: Die Odyssee. Graphic Novel. Homers Heldenepen als Graphic Novel 2, illustriert von Mariana Ruiz Johnson. Aus dem argentinischen Spanisch von Kim Laura Franzke,  Insel Verlag 2026, gebunden, 191 Seiten, 18 Euro

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