Werne. Zwei neue Gesichter beleben das Kapuzinerkloster in Werne: Bruder Jürgen Maria Böhm, der zuletzt in Frankfurt lebte, und Bruder Romuald Hülsken, vielen Wernern noch gut bekannt als früherer Guardian der Gemeinschaft. Er kehrt nun als Vikar zurück.
Im Interview mit WERNEplus-Redakteurin Dr. Anke Barbara Schwarze sprechen die beiden Brüder über den Ortswechsel, über ihre Aufgaben in der Seelsorge und über die Bedeutung von Orden in einer modernen Welt.
Bruder Jürgen Maria, Sie kommen aus Frankfurt, Bruder Romuald, Sie haben zuletzt im Konvent auf Schloss Clemenswerth bei Sögel gewirkt. Wie erleben Sie beide den Wechsel nach Werne?
Br. Jürgen M.: Der Wechsel von Frankfurt nach Werne macht schon einen großen Unterschied. Das Liebfrauenkloster befindet sich mitten in der Innenstadt. Da hat man die Skyline der Hochhäuser im Blick. Frankfurt ist eine internationale Stadt, das wirkt sich auch in der Seelsorge aus. Ich habe in Gottesdiensten und Gesprächen viele schöne Erfahrungen mit Menschen aus allen Ländern der Welt gemacht. Gute Bekannte kamen zum Beispiel aus Peru, Brasilien und Mexiko. Das umtriebige Leben in der Metropole spannt einen natürlich seelsorgerisch stark ein. Um das in Zahlen zu veranschaulichen: Im Innenhof des Liebfrauenklosters steht eine Lourdes-Madonna, vor der Gläubige täglich an die 1000 Kerzen anzünden. Das sind etwa 640000 Kerzen im Jahr. Dagegen ist Werne natürlich ruhiger. Und ich merke: Es tut mir gut.
Br. Romuald: Es ist schön, nach Werne zurückzukommen. Aber es hat sich auch viel verändert, seit ich im März 2022 von hier nach Clemenswerth gewechselt habe. Der Konvent ist gewachsen, Gebetszeiten und Abläufe haben sich verändert. Ich sehe neue Gesichter unter den ehrenamtlichen Helfern des Klosters, und auch die Kontakte zu Werner Bürgern, die ich außerhalb des Konvents kenne, müssen neu geknüpft werden. Ich muss mich also wieder eingewöhnen – und das ist gut so. Leben bedeutet nun einmal Veränderung.

Br. Jürgen M.: Ich kenne Werne von früheren Besuchen her, etwa vom Oktoberfest. Ich komme gut mit Leuten zurecht und kann mich integrieren, dann spielt der Ort, an dem man ist, letztlich keine so große Rolle. Und: Ich gehe gern auf ein Käffchen in die Stadt – das kann ich hier wie in Frankfurt.
Br. Romuald: Was das Leben in Werne einfacher macht, ist die Infrastruktur. In Sögel fehlten mir ein Kopierlanden und eine Buchhandlung. Bücher musste ich mir in Werlte besorgen und dafür elf Kilometer mit dem Rad fahren. Hier laufe ich nur ein paar Schritte zu Hubertus Waterhues. Auch die ärztliche Versorgung ist hier besser. Im Emsland ist die flächendeckende medizinische Versorgung ein echtes Problem. Es gibt wenig Interessenten für Landarztpraxen.
Wo sehen Sie heute besondere Herausforderungen der Seelsorge? Auch angesichts sinkender Zahlen von Kirchenbesuchern und Schwund im Ordensnachwuchs.
Br. Jürgen M.: In Frankfurt habe ich gemerkt, dass die Menschen Verlässlichkeit, Halt und Orientierung suchen. Und trotz sozialer Medien ist da ein großes Bedürfnis nach persönlichen Kontakten. Das wird sogar eher mehr als weniger. Dabei muss man manchmal gar nicht so viel reden. Es geht darum, zuzuhören, da zu sein. Die Menschen kommen außerdem zu uns, weil sie wissen, dass das Gesagte bei uns bleibt.
Br. Romuald: So ist es. Ich erinnere mich da an eine Geschichte aus meiner Zeit in Münster. Eine Frau erzählte mir, sie habe einer Freundin etwas sehr Persönliches anvertraut. Kurz darauf habe sie bei einem Treffen im Bekanntenkreis gespürt, dass offenbar jeder über diese Angelegenheit Bescheid wusste. „Darum komme ich nun zu Ihnen, weil Sie das diskret behandeln“, sagte sie. Bruder Jürgen und ich kommen gerade von einer Fortbildung zum Beichtdienst zurück. Dort wurde unter anderem besprochen, wie wir Gespräche anonymisieren. Es kommt ja vor, dass man sich unsicher ist, ob man als Seelsorger richtig reagiert hat. Will ich da einen Mitbruder um Rat fragen, muss ich den Fall so schildern, dass niemand erkannt werden kann.

Br. Jürgen M.: Die Menschen kommen ja zu uns, weil sie spüren: Wir können ihnen etwas geben, das sie „draußen“ in der Welt nicht finden. Wir können Antworten geben, wo Therapeuten oder Ärzte manchmal an ihre Grenzen stoßen. In Frankfurt kannte ich zwei Psychologen, die mir erzählten, einige Patienten würden sie gern zu einem Seelsorger schicken. Nur dürften sie das so direkt nicht sagen. Umgekehrt habe ich schon Menschen in Gesprächen geraten, vielleicht doch einmal einen Therapeuten aufzusuchen.
Br. Romuald: Dabei ist es gut, wenn wir Therapeuten kennen, die offen sind für religiöse Aspekte. Gerade deswegen kommen die Leute ja zunächst zu uns.
Was ist für Sie besonders wichtig an der franziskanischen Spiritualität? Was gibt Ihnen Halt?
Br. Romuald: Was uns immer wieder einholt, ist die Bereitschaft, verfügbar zu sein. Ich hätte nicht gedacht, dass mein Aufenthalt in Sögel nur dreieinhalb Jahre dauern würde. Es hat seine Zeit gebraucht, bis ich zu den Menschen dort eine Beziehung aufgebaut habe. Und in dem Moment kam der Ruf zurück nach Werne. Aber das entspricht eben dem Geist von Franziskus, das Unterwegssein in der Welt als Pilger und als Fremder. Man lernt, loszulassen, und bekommt im Gegenzug neue Impulse. Das ist das Schöne daran.
Br. Jürgen M.: Mich fasziniert immer wieder die Einfachheit und Schlichtheit, die Franziskus vorgelebt hat. Den Menschen und Jesus auf Augenhöhe zu begegnen. (Er deutet auf eine Kopie des Kreuzes von San Damiano, das hinter ihm im Besprechungszimmer des Klosters hängt. Anmerkung der Redaktion: Es handelt sich beim Original um eine Ikone, die den Gekreuzigten nicht als Sterbenden, sondern als bereits Auferstandenen zeigt. Vor diesem Bild hatte Franziskus eine Vision, in der ihm Christus der Überlieferung nach auf Augenhöhe begegnet ist.) Wir Kapuziner sind unkompliziert. Jemand hat uns mit Spatzen verglichen: Die kommen überall zurecht.
Es hat sich ja im Gespräch schon angedeutet: Wie alle Orden stehen auch die Kapuziner vor personellen Herausforderungen. Wie beurteilen Sie die Zukunft Ihres Ordens?
Br. Romuald: Es wird in Europa sicherlich Provinzen geben, die untergehen werden. Das müssen wir akzeptieren. Denn alles, was einen Anfang hat, hat auch ein Ende. Der Orden an sich wird jedoch bestehen bleiben.
Br. Jürgen M.: Unser Orden hat das Potenzial, Menschen nachhaltig anzusprechen. Durch unsere unkomplizierte Art und unsere Verwurzelung in der Volksfrömmigkeit. Darauf können wir aufbauen. Zumal ein Interesse an monastischen Strukturen und klösterlicher Ordnung besteht – gerade bei jungen Menschen. In Frankfurt gehen viele von ihnen in die Deutschordenskirche. Dort wird zweimal in der Woche die Tridentinische Messe gefeiert (Anm. der Red.: die traditionelle lateinische Form des Römischen Ritus). Diese Messe folgt einem klaren, festen Ablauf. So etwas suchen junge Leute.
Br. Romuald: Gerade, weil vieles im Leben heute unübersichtlich geworden ist.
Br. Jürgen M.: Daher ist es wichtig, dass wir unsere Spiritualität nach außen präsent machen. Hier in Werne ist das leichter, weil das Kloster fest zur Stadt gehört.






















