Samstag, April 20, 2024

Zielkonflikt: Ökostrom aus der Lippe kontra Ökologie und Artenvielfalt

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Werne. Um die von einem Investor geplante neue Wasserkraftanlage anstelle des rund 100 Jahre alten Lippewehrs in Stockum ist ein veritabler Streit entbrannt. Während die einen die Nutzung Wasserkraft als willkommenen Beitrag zur Gewinnung regenerativer Energie bewerten, sehen die anderen darin mehr ökologischen Schaden denn energetischen Nutzen.

Mit einem Invest von 3,5 Millionen Euro will Dr. Michael Detering, Entwickler der Großprojekts SCNCWAVE/SURFWRLD auf dem Gelände der ehemaligen Zeche Werne, anstelle des Wehrs nahe dem Gersteinwerk eine neue 400-Kilowatt-Wasserkraftanlage errichten und so Energie für den Betrieb des geplanten Freizeit- und Forschungsstandorts produzieren sowie gleichzeitig ins städtische Netz einspeisen.

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Moderne Turbinen und eine Fischtreppe sollen den schonenden Betrieb der Anlage möglich machen. „Mit dem Neubauprojekt besteht die Chance, sowohl kurzfristig eine erhebliche ökologische Verbesserung der Lippe zu erreichen als auch gleichzeitig angesichts der derzeit angespannten Energiesituation dringend benötigten Ökostrom zu erzeugen“, erläutert Detering.

Beim Fischereiverband NRW, der nach eigenen Angaben rund 250.000 Angelfischer vertritt, und beim Lippeverband stößt diese Argumentation auf Widerstand. Hier lehnt man den Neubau der Wasserkraftanlage in Stockum nicht nur strikt ab, sondern fordert mit Blick auf die Artenvielfalt und Schutz der Wasserfauna auch den Rückbau des vorhandenen Wehrs. Der Emscher Lippe Genossenschaftsverband (ELGLV) ist zuständig für das Flussgebietsmanagement an der Lippe, Aufsichtsbehörde ist das NRW-Umweltministerium.

„An dieser Stelle ist der ökologische Schaden höher als der energetische Nutzen. Wir sind generell dagegen.“

Ilias Abawi, Pressesprecher des Lippeverbandes

„An dieser Stelle ist der ökologische Schaden höher als der energetische Nutzen“, umriss Pressesprecher Ilias Abawi gegenüber WERNEplus die Position des Lippeverbandes. „Wir sind generell dagegen“, formulierte er eine prinzipielle Absage an den Betrieb kleinerer Wasserkraftanlagen an der Lippe. Mit Blick auf die Durchgängigkeit des Gewässers setze man sich deshalb für einen Rückbau der Anlage ein, hieß es weiter. Ziel des Lippeverbandes sei es, die Artenvielfalt nicht nur zu erhalten, sondern auch zu fördern.

Durch die Staufunktion werde das Wasser oberhalb des Wehrs angehalten und so eine hydraulische Störung verursacht, erläuterte der Pressesprecher. Über die grundsätzliche Haltung des Lippeverbandes sei man in Gesprächen mit der Bezirksregierung und dem Umweltministerium und weise anhand von Daten und Parametern im Sinne der Ökologie auf die Folgen hin. Die Fischwanderung über eine Fischtreppe umzuleiten, sei hingegen nur eine Notlösung, so Abawi.

Die Fischtreppe am Lippewehr entspricht nicht mehr heutigen Anforderungen an den Artenschutz. Beim Neubau einer Wasserkraftanlage sollen schonende Turbinen und eine Fischtreppe für Durchgängigkeit sorgen. Foto: Gaby Brüggemann

Auch der Fischereiverband NRW mit Ansprechpartner Dr. Olaf Niepagenkemper hatte ganz in diesem Sinne die urspründliche Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) zum Schutz der Fische in einer Pressemitteilung begrüßt. „Die Zahlen sprechen deutlich gegen die weitere Förderung und den Ausbau der Kleinen Wasserkraft“, hießt es darin.

Die Kleine Wasserkraft leiste in Deutschland mit cirka 7.800 Anlagen nur einen winzigen Anteil von 0,5 Prozent an der Gesamtstromversorgung und trage damit kaum zur Energiewende bei. Wehre, Turbinen und fehlende oder mangelhafte Fischwege stellen aber entscheidende Ursachen dafür dar, dass Deutschland wesentliche Umweltziele im Biodiversitäts- und Gewässerschutz deutlich verfehlt, argumentiert man beim Fischereiverband NRW und sieht den Zielkonflikt zwischen Klimaschutz und Artenschutz.

„Fische folgen bei ihren Wanderungen immer der Hauptströmung und diese führt sie zwangsläufig vor die Turbinen.“ Die Mortalität bzw. Schädigungsrate der Fische sei bei einer Turbinenpassage sehr hoch, beruft sich der Verband auf wissenschaftliche Untersuchungen.

Bei der Bundesregierung fand in Sachen Kleien Wasserkraft inzwischen allerdings ein Umdenken statt und die Einspeisevergütung nach EEG wurde auch für kleinere Wasserkraftanlagen wieder installiert.

Dr. Michael Detering (links) informierte Bürgermeister Lothar Christ (rechts) und SPD-Landeschef Thomas Kutschaty (mitte) über die geplante Wasserkraftanlage in Stockum. Foto: Gaby Brüggemann
Dr. Michael Detering (links) informierte Bürgermeister Lothar Christ (rechts) und SPD-Landeschef Thomas Kutschaty (mitte) im April 2022 über die geplante Wasserkraftanlage in Stockum. Foto: Gaby Brüggemann

Für Dr. Michael Detering ergibt sich durch die Wasserkraftanlage ein Mehrwert nicht nur für die regenerative Energiegewinnung, sondern auch für eine ökologische Verbesserung der Lippe. „Der Fischereiverband und der Lippeverband suggerieren einen möglichen Abriss der Wehranlage. Praktisch ist dies aus flussbaulichen und aus eigentumsrechtlichen Gründen aber gar nicht möglich. Denkbar wäre in einigen Jahrzehnten der Ersatz der Wehranlage durch eine so genannte Raue Rampe oder auch Sohlgleite“, argumentiert der Ingenieur, der über 20 Jahre Erfahrung und Verantwortung in der Wasser‑, Energie- und Umweltwirtschaft sowie zahlreiche Patente in der Wasser- und Umwelttechnik vorweisen kann.

Und Detering weiter: „Eine Raue Rampe werde von Angelverbänden präferiert und bestehe aus einer Betonplatte, in die raue Steine einbetoniert sind. Eine solche sei für Fische allerdings wesentlich gefährlicher und schädlicher als sogar das Durchschwimmen einer Wasserkraftanlage, verweist er auf die Studie von Professor Dr. Peter Rutschmann (Lehrstuhl für Wasserbau und Wasserwirtschaft, TU München).

„Der Fischereiverband verbreitet gezielt die falsche Behauptung, dass Fische in großem Umfang in eine Wasserkraftanlage schwimmen und dort verenden.“

Dr.-Ing. Michael Detering, Lehrstuhl und Institut für Wasserbau und Wasserwirtschaft RWTH Aachen

Die neue Wasserkraftanlage nutze hingegen das Energiepotenzial der Wehranlage optimal aus. Wasserkraft habe dabei den großen Vorteil, grundlastfähig zu sein, d.h. sie erzeugt auch bei Windstille und Dunkelheit Energie. Von Vorteil sei dabei der besonders gleichmäßige Abfluss der Lippe. Für den Neubau sei eine besonders fischfreundliche Turbine vorgesehen, der ein Aufsteigen der Fische in die obere Lippe ermögliche.

„Der Fischereiverband verbreitet gezielt die falsche Behauptung, dass Fische in großem Umfang in eine Wasserkraftanlage schwimmen und dort verenden. Tatsächlich vermeiden Fische bewusst und aktiv Rechen und damit Wasserkraftanlagen, suchen stattdessen einen anderen Wanderweg – aufwärts und abwärts“, so Detering.

Unseren Artikel zum Streit um die Wasserkraftanlage im Mühlengraben lesen Sie hier.

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