Werne. Was macht Sim-Jü so besonders? Mehrfach versuchte Flemming Feß, die Podiumsrunde beim Erzählcafé im Stadtmuseum zu dieser Frage zurückzubringen. Immer wieder verloren sich seine Gäste am Donnerstag (8. Oktober 2026) in Erinnerungen und Anekdoten. Und beantworteten die Frage des Museumsleiters im Grunde auf diese Weise: Sim-Jü ist ein Stück Stadtgeschichte, das von den Bürgerinnen und Bürgern gelebt wird.
Gäste auf dem Podium waren der Schausteller Rudi Isken, der ehemalige Marktmeister Jürgen Menke, der frühere Bürgermeister Rainer Tappe sowie Kirsten Schulz und ihre Tochter Helle Juhl Eggersmann, die nach dem Tod ihres Vaters Rainer Schulz federführend das Fußballspiel zwischen Schaustellern und Bürgern organisiert. Dieses Turnier ist ein Grund für die enge Verzahnung von Stadt und Kirmes. Darin waren sich alle einig.
Das erste Spiel fand 1973 statt, um den Bau eines Hallenbades in Werne zu unterstützen. Damals wurde noch auf dem Aschenplatz am Hagen gespielt, dort, wo heute Autos und Wohnmobile stehen. Jahrzehntelang wurde dann im Freiherr-vom-Stein-Stadion gekickt, seit einigen Jahren im Sportzentrum Dahl. „In den ersten Jahren gab es nichts zu trinken“, erinnert sich Kirsten Schulz. „Heute stehen ringsum Imbiss- und Getränkebuden.“

Für die Schausteller ist es ein besonderer Auftakt. „Die ziehen ab 14 Uhr gemeinsam mit Bollerwagen dorthin“, erzählte Helle Juhl Eggersmann. Es habe eine Menge mit dem Fußballspiel zu tun, dass viele Schausteller in Werne Freunde gefunden hätten. Bei diesem Turnier hat der gemeinsame Spaß eindeutig Vorrang vor sportlichem Ehrgeiz. Aus dem Kreis der Zuhörer erinnerte Ex-Schwimmmeister Klaus Wortmann daran, dass Gregor Götz einmal ein Tor mit einer Folie verklebt hatte. „Dann hat er oben und unten je ein Loch reingeschnitten, wie beim Aktuellen Sportstudio.“ Kirsten Schulz erzählte, dass einige Frauen einmal das Team der Schausteller in der Halbzeit einsperrten und als Frauenmannschaft aufs Feld rückten. Den Anstoß zum Traditionsspiel gab seinerzeit ihr verstorbener Mann Rainer Schulz. „Die guten Beziehungen zwischen uns und den Menschen in Werne sind auch sein Verdienst“, sagte Rudi Isken.
Seine Familie steht seit Anfang der 1980er-Jahre auf Sim-Jü. Die Schaustellertradition reicht jedoch nachweislich bis ins Jahr 1850 zurück. „Meine Eltern sind dann mit einer Schiffsschaukel angefangen, später kam ein Kettenkarussell hinzu, das mein Vater selbst gebaut hat.“ Auf der Düsseldorfer Rheinkirmes kann man mit diesem Karussell noch fahren. Technisch sei es natürlich auf den neuesten Stand gebracht worden, so Isken.
Bekannt ist die Familie in Werne für ihren Autoscooter. „Mein Großvater hat schon 1950 einen Autoscooter gekauft.“ Pioniere der Branche in NRW sei allerdings die Firma Hartkopf gewesen, die in Mettmann einen richtigen Großbetrieb mit Werkstatt und Zugmaschinen unterhielt. Die ersten Autoscooter seien schon vor dem Zweiten Weltkrieg auf deutschen Kirmessen gefahren. Damals hießen sie Radio Cars. „Wegen der charakteristischen Stromruten hinten an den Wagen“, erklärte Isken. Trotz der Entwicklung rasanter Fahrgeschäfte sei der Autoscooter immer noch gefragt. Besonders als Gelegenheit zum Flirten. „Früher haben die jungen Männer die Mädchen ihrer Wahl dann angerempelt, heute machen das die jungen Frauen umgekehrt auch.“
Als Flemming Feß nach dem Verhältnis von Schaustellern zur Stadtverwaltung fragte, gaben die beiden früheren Vertreter klare Antworten. „Das war ein besonderes Verhältnis, das sehr gepflegt wurde“, meinte Rainer Tappe. Der frühere Marktmeister Jürgen Menke ergänzte augenzwinkernd: „Es gab schon mal ein böses Wort – aber das fiel nur, wenn Schalke gegen Dortmund spielte.“




















