Werne. „Unfassbar, was die Politik hier macht“, hörte man am Ende der öffentlichen Sondersitzung des Schul- und Sportausschusses am gestrigen Donnerstag (05.11.2026) aus dem Zuschauerraum. An diesem Abend drehte sich alles um das künftige Raumprogramm des Anne-Frank-Gymnasiums (AFG), das schließlich mit großer Mehrheit beschlossen wurde – zum Unmut der Schulgemeinde.
Das letzte Wort im öffentlichen Teil hatte Stefan Böhm, Vorsitzender der Schulpflegschaft am städtischen Gymnasium. Für ihn als Architekt sei das Konzept der Clusterschule durch die beschlossene, 5.650 Quadratmeter große Gesamtnutzfläche tot. „Dass man sich für ein rückwärtsgewandtes Konzept entscheidet, ist ein Armutszeugnis für die Stadt. Das ist fatal und darf nicht passieren.“
Bekanntlich hatte sich das AFG für eine Clusterschule, also eine modernere Raumgestaltung, ausgesprochen (siehe auch Vergleich mit „Flurschule“ am Ende dieses Artikels). Die Schulkonferenz, die am 3. November 2026 tagte, untermauerte diesen Wunsch und beschloss, „dass die Schulgemeinschaft einen Neubau mit Jahrgangsstufenclustern dringend befürwortet“.
Zuvor hatten sich Verwaltung und Schulleitung darauf verständigt, die Quadratmeterzahl von 5.628 auf 5.650 zu erhöhen, um einen weiteren Raum zu realisieren, wie Bürgermeister Lars Hübchen, der an der Sitzung teilnahm, erläuterte. Er sprach beim zu verabschiedenden Raumprogramm von einem „Schuhkarton“, also was benötige die Schule, welche Nutzungen würden abgedeckt. Dies sei noch keine Feinplanung.
Mehr Differenzierungsräume, ein siebter Fachraum, ein Klassenzimmer mehr für die notwendige Mehrklassenbildung seien als Grundlage für den Bau vorgesehen. „Wir sparen nicht an der Schule. Diese Anpassungen zeigen, dass es uns was wert ist, in diese Schule zu investieren“, betonte der Bürgermeister, wies gleichzeitig aber auf die schwierige Haushaltslage und als ein Beispiel auf die Lindertsporthalle hin, wo ebenfalls etwas getan würden müsse.
„Meine zweite Botschaft ist: Auch ohne das Siegel ‚Clusterschule‘ lässt sich mit dem Raumprogramm mehr herausholen als bisher“, so Lars Hübchen weiter.
Kritik kam von Christoph Dammermann (FDP): „Bei der Vorlage gehen wir mit. Allerdings wollen wir die Clusterschule heute nicht beerdigen. Wir werben für 800 Quadratmeter Nutzfläche mehr. Keiner plant mehr eine ‚Flurschule‘. Vielleicht können wir uns auf den Mittelweg – 6.000 Quadratmeter – verständigen?“ Dafür erntete der Liberale lautstarke Unterstützung aus dem Zuschauerraum, was die Ausschussvorsitzende Marita Funhoff (SPD) auf den Plan rief. Sie forderte, das „Klatschen und Kommentierungen“ zu unterlassen. Dammermann setzte sein Plädoyer, „400 Quadratmeter drauf zu legen“ fort, bemühte die „goldenen Wasserhähne“, die die Schulgemeinde nicht haben wolle, sondern nur mehr Quadratmeter.

Philipp Gärtner (CDU) berichtete von einem Gespräch seiner Fraktion mit der Schulleitung, nach dem man das Signal vernommen hätte, dass das AFG mit dem Raumprogramm einverstanden sei. „Wir saßen zusammen, sind jeden Raum durchgegangen und es wurde zugestimmt.“ Schulleiter Marcel Damberg erwiderte, dass man immer kommuniziert habe, eine Clusterschule wäre schön. „Die war nie vom Tisch“, verwies er auch auf den Beschluss der Schulkonferenz.
Dr. Eberhard Stroben (Bündnis 90 / Die Grünen) bemerkte: „Wir sollten die Clusterschule nicht abschreiben und uns in diese Richtung bewegen. Sie ist zukunftsweisend.“ Markus Steinhoff (SPD) entgegnete, dass dieses Konzept nicht aus dem Rennen sein. „Die Flure können in dem besagten ‚Schuhkarton‘ noch für Nutzungen ausgestaltet werden.“ Dammermann dagegen: „Die Flure sind reine ‚Verkehrsfläche‘, der Karton passt nicht, die Schule wird zu klein.“
Uta Leisentritt (CDU) entgegnete: „Wir machen den zweiten vor den ersten Schritt. Wir beschließen nun das Raumprogramm. Wir haben doch überhaupt noch keinen Beschluss, ob wir überhaupt neu bauen. Wir diskutieren heute über die Grundlage, was wir brauchen und gehen mit der Nutzfläche dann in die Wirtschaftlichkeitsbetrachtung.“ Dirk Pohl (SPD) wurde in Richtung FDP deutlicher: „1,6 Millionen für 400 Quadratmeter mehr? Sie wollen den Stadtsäckel belasten, als gäbe es kein Morgen mehr. Wir müssen doch mal die Kirche im Dorf lassen.“
Schließlich warb Stefan Böhm für den Kompromiss von Christoph Dammermann. Bei der Abstimmung beschloss der Ausschuss mit großer Mehrheit eine Gesamtnutzfläche von 5.650 m², die Erhöhung auf 6.000 m² wurde mit zehn Nein-Stimmen, einer Enthaltung und zwei Ja-Stimmen abgelehnt.
Das beschlossene Raumprogramm dient als Grundlage für die
Wirtschaftlichkeitsbetrachtung der Sanierungsvarianten. Über die aktualisierte
Betrachtung wird in der Sitzung am 17. November 2026 berichtet und durch den Schul- und
Sportausschuss eine Empfehlung bezüglich der Sanierungsvariante ausgesprochen.

Wie eingangs erwähnt, zeigte sich Teile der Schulgemeinde, die die Sitzung verfolgt hatte, mit dem Beschluss mehr als unzufrieden. Sogar das Wort „Bürgerentscheid“ fiel, bevor die Türen für den nicht-öffentlichen Teil des Ausschusses geschlossen wurden.
Hintergrund Flurschule und Clusterschule
Eine Flurschule sowie eine Clusterschule unterscheiden sich im Wesentlichen darin, wie Lernräume organisiert sind und wie Unterricht pädagogisch gedacht wird.
Die klassische Flurschule ist gekennzeichnet durch (lange) Flure, von denen rechts und links abgeschlossene Klassenräume abgehen. Dabei ist jeder Klasse ein Klassenraum zugeordnet. Der Unterricht erfolgt meist frontal und jahrgangsgebunden. Der Flur dient primär der Erschließung der Räume und wird pädagogisch kaum genutzt.
Bei der Clusterschule bilden mehrere Lernräume einen „Cluster“, in dem es einen zentralen gemeinsamen Bereich in Form eines offenen „Marktplatzes“ oder offenen Lernforums gibt. Zusätzlich werden Differenzierungsräume und Teamstationen für Lehrkräfte berücksichtigt. Die Möblierung erfolgt flexibel und lässt multifunktionale Nutzungen zu. Die Lernsettings sind offen oder halb-offen. Flure werden dabei zum Lernraum. Diese Raumgestaltung fördert individualisiertes und selbständiges Lernen, verbessert jahrgangsübergreifendes Lernen und lässt flexible Gruppengrößen zu.
















