Werne. Seit wenigen Monaten leitet sie die Stadtbücherei Werne. Im Interview mit WERNEplus spricht Patricia Buhle darüber, warum Bibliotheken wichtige Treffpunkte sind, ob das gedruckte Buch eine Zukunft hat und welche Schwerpunkte sie in den kommenden Jahren setzen möchte. Die Frage stellte Anke Barbara Schwarze.
Frau Buhle, haben Sie sich in Werne schon eingelebt?
Ich bin sehr gut in Werne angekommen. Das Team der Stadtbücherei hat mich herzlich aufgenommen. Auch in der gesamten Stadtverwaltung habe ich bislang ausschließlich positive Erfahrungen gemacht. Alle Kolleginnen und Kollegen begegnen mir offen. Überhaupt habe ich die Menschen in Werne als sehr freundlich erlebt. Ich war bereits bei verschiedenen Veranstaltungen wie „Frühling in Werne“ oder dem Plätzerfest und habe dort Leute getroffen, die ich inzwischen kenne, etwa aus dem Förderverein der Stadtbücherei. Das war ein schöner Moment, weil ich gemerkt habe: Ich fühle mich hier schon ein Stück weit heimisch.
Sie sind Bibliothekarin. War das immer schon Ihr Berufswunsch?
Nicht direkt. Nach dem Abitur wusste ich nicht genau, was ich werden wollte. Weil ich Bücher mochte, machte ich eine Ausbildung in einer öffentlichen Bibliothek. Da habe ich den Beruf kennengelernt und gemerkt: Das macht mir richtig Spaß. An der Fachhochschule Stuttgart studierte ich dann Bibliothekswissenschaften und arbeitete anschließend fast 13 Jahre lang in der Stadtbibliothek in Offenburg. In den vergangenen drei Jahren habe ich noch einen Masterstudiengang für Kulturwissenschaften in Bamberg absolviert. Dabei habe ich gemerkt, dass ich doch lieber wieder praktisch in einer Bibliothek arbeiten möchte. Mich fasziniert die Mischung aus Kundenkontakt, Büro- und Pressearbeit sowie Veranstaltungsorganisation. Gerade in öffentlichen Bibliotheken lassen sich viele eigene Ideen verwirklichen, natürlich innerhalb der finanziellen Rahmenbedingungen. Zum Lesen habe ich allerdings weniger Zeit, als manche vielleicht denken.
Was hat Sie an der Aufgabe gereizt, die Leitung der Stadtbücherei Werne zu übernehmen?
Nach meinem Masterstudium habe ich bewusst nach Stellen in kleineren Städten gesucht. Eine Großstadt kam für mich nicht infrage. Die Stellenausschreibung aus Werne fand ich sofort interessant. Als ich weiter über die Stadtbücherei recherchierte, war ich fasziniert, wie viel hier gemacht wird. Zum Beispiel die Kooperationen mit Schulen und Kitas, die Medienkisten und das Engagement des Fördervereins. Mein Eindruck war außerdem, dass die Stadtbücherei in Werne sehr gut vernetzt ist. Und das ist wirklich so, wie ich inzwischen feststellen konnte. Was mich ebenfalls angesprochen hat, waren die Fotos vom neuen Belletristikbereich.
Bibliotheken wetteifern mit Streaming, sozialen Medien und KI um die Aufmerksamkeit der Nutzerinnen und Nutzer. Wie kann sich die Stadtbücherei Werne da positionieren?
Grundsätzlich versuchen Bibliotheken, neue technische Entwicklungen einzubeziehen. Es ist keineswegs so, dass sie verstaubte Einrichtungen sind. In der Stadtbücherei Werne werden bereits seit 15 Jahren E-Books ausgeliehen. Inzwischen macht das fast ein Drittel der gesamten Ausleihen aus. Ein schwierigeres Thema ist das Streaming. Dadurch ist die Ausleihe von DVDs oder Blue-rays praktisch überflüssig geworden. Auf der anderen Seite brauchen wir für diese Medien nun weniger Platz. Den freien Raum können wir dafür nutzen, mehr Aufenthaltsqualität zu schaffen.
Tatsächlich sind Bibliotheken heute ja mehr als Orte, an denen Bücher ausgeliehen werden. Welche Rolle spielt da die Stadtbücherei Werne aus Ihrer Sicht?
Tatsächlich werden Bibliotheken als öffentliche Aufenthaltsorte immer wichtiger. Und zwar als nicht-kommerzielle Räume, in denen sich Menschen aufhalten können, ohne etwas konsumieren zu müssen. Das ist gerade in Zeiten der zunehmenden Digitalisierung ein großer Wert. Und das Vorhandensein von Büchern spielt dabei eine große Rolle für die Atmosphäre. Selbst wenn sie nichts ausleihen, möchten die Besucher schon, dass Bücher in den Regalen stehen. Im Belletristikbereich wurde schon vor einigen Jahren ein sehr schöner Rahmen geschaffen. Mit der Umgestaltung des Sachbuchbereichs im Herbst möchten wir die Aufenthaltsqualität weiter verbessern. Geplant ist, unterschiedliche Bereiche zu schaffen: einen ruhigeren Bereich zum Lernen und Arbeiten sowie einen Bereich, in dem man sich treffen, unterhalten oder auch einen Kaffee trinken kann.
Welche Schwerpunkte möchten Sie außerdem in den kommenden Jahren setzen?
Mir ist es wichtig, die Arbeit, die hier geleistet wurde, fortzuführen. Ich bin nicht mit dem Anspruch gekommen, alles umzukrempeln, sondern möchte auf dem aufbauen, was funktioniert. Im kommenden Jahr stehen gleich mehrere besondere Ereignisse an. Ich werde erstmals „Werne liest“ organisieren, außerdem findet wieder die Nacht der Bibliotheken statt. Hinzu kommt das 70-jährige Bestehen der Stadtbücherei, das wir angemessen feiern wollen. Was ich weiter voranbringen möchte, ist die technische Modernisierung der Bücherei. Ganz oben auf meiner Liste steht, dass Gebühren künftig online bezahlt werden können. Außerdem möchten wir in den nächsten zwei bis drei Jahren ein digitales Leitsystem aufbauen. Ziel ist es, den Besucherinnen und Besuchern die Suche nach Büchern und anderen Medien noch einfacher zu machen – sowohl digital als auch direkt in der Bücherei.
Das gedruckte Buch wird seit Jahren immer wieder totgesagt. Wie sehen Sie seine Zukunft?
Totgesagte leben ja bekanntlich länger. Ich weiß noch, dass es bereits während meines Studiums in Stuttgart – das war ungefähr 2008 – eine Veranstaltung gab, in der das klassische Buch abgeschrieben wurde. Trotzdem gibt es immer noch analoge Bücher. Als schöne Objekte mit Farbschnitt rücken sie gerade sogar wieder verstärkt in den Vordergrund. Social Media, vor allem BookTok, trägt viel dazu bei, dass vor allem junge Frauen das Lesen neu entdecken. Auf der anderen Seite ist das E-Book natürlich ein wichtiger Bestandteil des Buchmarktes. Und das ist auch völlig in Ordnung, denn sie haben ja Vorteile, zum Beispiel auf Reisen. Aber ich bin überzeugt, dass das gedruckte Buch auch in Zukunft seinen Platz haben wird.
Welche Projekte der Stadtbücherei können Menschen fürs Lesen begeistern?
Ein schönes Beispiel ist der SommerLeseClub, der in Werne seit vielen Jahren hervorragend angenommen wird. Besonders schön finde ich, dass hier ganze Familien gemeinsam lesen und sich gegenseitig fürs Lesen begeistern. Ebenso wichtig sind die Buchvorstellungen durch Bücher Beckmann, die jedes Jahr im Frühjahr und im Herbst in der Bücherei stattfinden. Zu dieser Veranstaltung kommen zwar meist diejenigen Menschen, die ohnehin gern lesen, aber bei ihnen weckt es neue Interessen. Ein Traum von mir ist, neue Zielgruppen fürs Lesen zu begeistern. Vielleicht mit neuen Kooperationspartnern und durch Formate wie literarische Spaziergänge, Sachbuchlesungen oder Schreibworkshops. Das fände ich sehr reizvoll.
Sie waren Jury-Vorsitzende beim Regionalentscheid des Vorlesewettbewerbs. Worauf kommt es beim guten Vorlesen an?
Bei den Regionalentscheiden haben natürlich alle Kinder sehr gut gelesen. Deshalb achtet man in der Jury auf die Feinheiten, besonders auf das Lesetempo. Die Kinder kennen ihre vorbereiteten Texte oft so gut, dass sie diese fast auswendig können. Dann besteht die Gefahr, dass sie irgendwann mit Lichtgeschwindigkeit vortragen. Ich kann das gut nachvollziehen, weil ich selbst dazu neige, schnell zu sprechen. Aber die Zuhörerinnen und Zuhörer brauchen eben auch Pausen, um den Inhalt aufzunehmen.
Was können Bibliotheken tun, damit Kinder auch langfristig Freude am Lesen entwickeln?
Öffentliche Bibliotheken können einen entscheidenden Beitrag leisten, um Kinder ans Lesen zu bringen. Besonders beeindruckt haben mich hier in Werne die pädagogischen Angebote der Bücherei für Kindertagesstätten und Grundschulen. Damit erreichen wir auch Kinder, die zu Hause vielleicht nicht selbstverständlich mit Büchern aufwachsen oder die mit ihren Eltern regelmäßig die Bücherei besuchen. Besonders schön finde ich, dass es bei den Führungen durch die Bücherei nicht nur darum geht, wo welche Bücher stehen. Die Kinder werden aktiv einbezogen, machen mit und erleben die Bücherei als einen spannenden Ort.
Zum Schluss ein paar Fragen zu Ihren persönlichen Vorlieben: gedrucktes Buch, E-Book oder Hörbuch? Und: Welche drei Bücher würden Sie auf eine einsame Insel mitnehmen – und warum gerade diese?
Hörbücher sind nicht meine Lieblingsmedien. Wenn ich nur nebenbei zuhöre, weiß ich hinterher nicht mehr, worum es gegangen ist. Das gedruckte Buch mag ich an sich am liebsten. Aber ich bin Pragmatikerin: Auf Reisen oder im Zug lese ich E-Books. Einen Reiseführer oder ein Kochbuch würde ich allerdings immer gedruckt kaufen. Diese Bücher brauche ich in der Hand, schon, um mir Markierungen zu machen. Auf eine einsame Insel würde ich zunächst ein Sachbuch mitnehmen, das mir hilft, in der Wildnis zu überleben. Etwa „Survival für Anfänger“ von Thomas Gast. Dann nehme ich das Buch mit, das ich als nächstes gern lesen möchte: „Die Möglichkeit einer Ordnung“, von Denis Pfabe. Das ist quasi ein neues Genre, ein Baumarkt-Roman. Und zuletzt nehme ich „Die unendliche Geschichte“ von Michael Ende. Das Buch lese ich alle paar Jahre wieder, weil man darin immer etwas Neues entdeckt.





















