„Die Orgel danach mit anderen Ohren hören“: Felix Hell kommt nach Werne

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Werne. Ein Musiker, der auf den großen Bühnen der Welt konzertiert, kommt am 27. September nach Werne: Der Konzertorganist Felix Hell spielt auf der Seifert-Orgel in der St. Christophorus-Kirche. Möglich wird das Konzert dank einer Kooperation der Stiftung Musica-Sacra-Westfalica und des Rotary Clubs Lünen-Werne. Im Vorfeld sprach Felix Hell mit den Veranstaltenden.

Herr Hell, Sie haben bereits als Kind internationale Bühnen erobert. Wann wurde Ihnen klar, dass die Orgel Ihr Instrument ist?

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Mit sieben Jahren hörte ich zum ersten Mal ein Orgelkonzert im Speyerer Dom. Ehrlich gesagt wollte ich damals überhaupt nicht hin. Meine Eltern machten deshalb einen Deal mit mir: Ich müsse nur dieses eine Konzert besuchen, und wenn es mir nicht gefalle, müsste ich nie wieder in ein Orgelkonzert gehen.

Ich saß ziemlich widerwillig in der Kirchenbank, bis plötzlich die ersten Töne von Bachs Toccata und Fuge d-Moll erklangen. In diesem Moment hat sich alles verändert. Mich hat nicht nur der Klang fasziniert, sondern die physische Erfahrung. Die tiefen Frequenzen ließen die Kirchenbänke vibrieren, ich bekam regelrecht Gänsehaut. Das war ein völlig überwältigendes Erlebnis.

Nach dem Konzert durften wir auf die Empore und einen Blick auf den Spieltisch werfen. Fünf Manuale, unzählige Register, Knöpfe und Pedale. Für einen Siebenjährigen wirkte das wie das faszinierendste Instrument der Welt. In diesem Moment wusste ich ganz klar: Ich möchte lernen, wie man so eine Maschine beherrscht.

Sie haben weltweit konzertiert – von großen Kathedralen bis zu international bekannten Konzertsälen. Gibt es einen Ort, der Sie besonders geprägt hat?

Ich durfte auf unzähligen außergewöhnlichen Instrumenten spielen, und dafür empfinde ich große Dankbarkeit. Darunter waren Konzertorgeln wie die Orgel der Atlantic City Convention Hall mit rund 32.000 Pfeifen oder die neue Klais-Orgel im National Kaohsiung Center for the Arts (Weiwuying) in Taiwan, ein Schwesterinstrument der Elbphilharmonie-Orgel, nur etwa doppelt so groß. Gleichzeitig durfte ich historische Instrumente von Silbermann oder Cavaillé-Coll erleben, die musikalisch und klanglich eine ganz eigene Welt eröffnen.

Wenn ich aber einen Ort nennen müsste, der mich persönlich am stärksten geprägt hat, dann wäre es die kleine Dorfkirche in Dirmstein, unweit meines Heimatortes Laumersheim. Dort hatte ich meine erste Orgelstunde. Bis heute spiele ich jedes Jahr an Silvester wieder auf diesem Instrument, und kein Konzert fühlt sich für mich emotional bedeutungsvoller an. Es erinnert mich an meine allerersten Schritte an der Orgel.

Was erwartet das Publikum in Werne?

Mir ist wichtig, dass Menschen sich von meiner Musik angesprochen fühlen, unabhängig davon, ob sie regelmäßig Orgelkonzerte besuchen oder zum ersten Mal überhaupt mit der Orgel in Berührung kommen. Gerade Menschen ohne musikalisches Vorwissen stehen oft im Mittelpunkt meiner Gedanken. Klassische Musik darf niemals nur für Spezialisten gemacht werden. Wenn jemand in ein Konzert kommt und sich ausgeschlossen oder verloren fühlt, dann haben wir als Künstler versagt.

Dabei geht es mir nicht darum, die Musik zu vereinfachen oder auf bloße Unterhaltung zu reduzieren. Mich interessiert die große Orgelliteratur, Musik mit Tiefe, Gewicht und menschlicher Aussagekraft. Bach, Liszt oder Franck brauchen keine künstlichen Effekte. Diese Musik besitzt alles, was man für einen überwältigenden Konzertabend braucht. Unsere Aufgabe ist es, sie so lebendig und ehrlich zu vermitteln, dass auch jemand ohne Vorkenntnisse spürt, warum diese Musik seit Jahrhunderten Menschen bewegt.

Sie sprechen oft davon, die Orgel wie ein Orchester zu spielen. Was meinen Sie damit?

Kein anderes Instrument besitzt eine solche klangliche Bandbreite wie die Pfeifenorgel. Vor allem im 19. Jahrhundert wurden Orgeln bewusst so gebaut, dass sie orchestrale Klangfarben nachahmen konnten, von Streichern über Holz- und Blechbläser bis hin zu Schlagwerk. Deshalb denke ich beim Orgelspiel oft wie ein Dirigent: Welche Stimmen treten hervor, welche Farben mischen sich, wo braucht es Transparenz und wo symphonische Breite? Nicht ohne Grund ist die Orgel das einzige Soloinstrument, für das ganze Symphonien komponiert wurden.

Viele Menschen verbinden Orgelmusik vor allem mit Kirche. Was sagen Sie jemandem, der noch nie ein Orgelkonzert besucht hat?

Ich kann da auf meine eigene Erfahrung als Siebenjähriger bei meinem ersten Konzertbesuch zurückgreifen. Auch ich dachte damals, die Orgel hätte vor allem mit Kirche, Ritual und vielleicht auch ein bisschen Langeweile zu tun. Wenige Minuten später war dieses Bild komplett zerstört. Natürlich finden in Europa die meisten Orgelkonzerte in Kirchen statt, einfach weil dort die Instrumente stehen. Aber wenn ein Konzert wirklich effektiv ist und die Musik gut kommuniziert wird, dann wird der Raum irgendwann nebensächlich. Man verliert das Gefühl für Zeit und Umgebung und taucht vollständig in Klang ein.

Ihre Konzerte reichen von leisen, meditativen Klängen bis zu großer Klanggewalt. Was möchten Sie beim Publikum auslösen?

Absolute Glückseligkeit und das Gefühl, für einen kurzen Moment aus Raum und Zeit herauszutreten.

Ein Orgelkonzert verlangt enorme Konzentration. Wie bereiten Sie sich vor?

Nachdem ich das Instrument ein oder zwei Tage kennengelernt habe, versuche ich am Konzerttag vor allem ruhig zu bleiben. Leicht essen, den Kopf nicht mit unnötigen Reizen überladen, und innerlich Energie sammeln. Und dann, mit den ersten gespielten Tönen, wird all diese Energie plötzlich freigesetzt.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Orgelmusik?

Ich wünsche mir, dass wir Künstler weniger daran festhalten, wie Dinge früher waren, und uns mehr damit beschäftigen, welche Rolle die Orgel im Leben der Menschen in Zukunft spielen kann. Tradition ist wichtig, und natürlich sollten wir sie bewahren. Aber noch wichtiger ist es, eine neue Zukunft für dieses Instrument zu schaffen, in der die Orgel für ganz normale Menschen wieder relevant, bewegend und lebendig wird.

Zum Schluss: einige Worte für Ihr Publikum in Werne?

Geben Sie mir einen Abend, und ich verspreche Ihnen: Sie werden die Orgel danach mit anderen Ohren hören.

INFO

Felix Hell gastiert in Werne am 27. September, 17 Uhr, in St. Christophorus. Das Konzert veranstaltet die Stiftung Musica Sacra Westfalica unter der Schirmherrschaft von Bürgermeister Lars Hübchen. Dank der Förderung des Rotary Clubs Lünen-Werne kostet der Eintritt nur 5 Euro. Vorverkauf der Karten ab sofort bei Bücher Beckmann, Magdalenenstraße 2, 59368 Werne.

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