Werne. Ein Gemälde von Heinrich Repke hat Clemens Overmann angeregt, über den Maler zu recherchieren. Die Spur führt von Werne ins nationalsozialistische Berlin, zur „Großen Deutschen Kunstausstellung“.
Was Clemens Overmann seit Neuestem über seinem Sofa hängen hat, ist allerdings eine Szenerie, die mit dem Nationalsozialismus nichts zu tun hat. Die Signatur lässt klar erkennen, dass das Stillleben mehr als ein Jahrzehnt nach Kriegsende entstand, im Jahr 1957. Da lebte der aus Werne stammende Heinrich Repke längst an seiner neuen Wirkungsstätte in Wiedenbrück, das damals noch selbstständig war.
Unter seinem Namenszug fügte Repke trotzdem „Wiedenbrück-Werne“ an. Denn das Gemälde war eine Auftragsarbeit der Werner Bürgerin Inge Kroes. Elisabeth Kramer, selbst Malerin und mit Inge Kroes befreundet, erinnert sich: „Inge hat mir erzählt, dass sie ein nettes Bild haben wollte, zu Repke gegangen sei und etwas mit einem Blumenstrauß bestellt habe. Das habe sie schön gefunden.“

Und so füllt ein üppiger Feldblumenstrauß das Ölgemälde. Rote Mohnblumen fallen sofort ins Auge. Wie locker zusammengestellt ragen blaue Kornblumen und weiß-gelbe Margeriten heraus, dazwischen stecken Kornähren, Gräser und andere Wiesenblumen. Repke arrangierte den Strauß, als habe ihn jemand zufällig am Wegesrand gepflückt und zu Hause in eine Vase gestellt. Diese erinnert in ihrer mattgrauen Grundfarbe und dem kobaltblauen Dekor an das im 19. Jahrhundert beliebte Westerwälder Steinzeug.
Vase und Blumen stehen auf einem Mauervorsprung, möglicherweise einer Fensterbank. Darauf befinden sich zwei gebundene Bücher, eine umgekippte Teetasse und ein beschriftetes Blatt. Ein Buch ist erkennbar betitelt. Es handelt sich um eine Ausgabe von „Dreizehnlinden“ von Friedrich Wilhelm Weber. Das erbauliche Heimatepos entstand in der Zeit des Kulturkampfs zwischen Katholiken und dem protestantischen Reichskanzler Otto von Bismarck.

Bis Anfang des 20. Jahrhunderts blieb es eine beliebte Schullektüre im katholischen Westfalen. Das Zitat auf dem Briefbogen daneben lässt sich nicht exakt zuordnen. Es feiert jedoch ein bildungsbürgerliches Kunstideal seiner Zeit: „Lass uns bekränzen mit Laubengewind’ die Stirnen, die noch dem Schönen ergeben sind.“
Was Clemens Overmann jedoch letztlich dazu bewogen hat, das Bild zu kaufen, ist der Blick in die Landschaft. Auf der rechten Seite reckt sich der Kirchturm von St. Christophorus in die Höhe. Links neben der Vase erstreckt sich ein kleines Gehöft entlang eines Feldwegs. Es handelt sich dabei um das Haus, in dem Heinrich Repke am 31. März 1877 geboren wurde.

Fast ein Jahrhundert später wuchs Johannes Eckelt in der Nachbarschaft auf. An das Haus kann er sich noch gut erinnern. „Als Kinder fanden wir den Anbau, der auf dem Bild rechts neben dem Haupthaus zu erkennen ist, spannend.“ Dort war eine Küche mit einer Pumpe untergebracht. „Wir sind gern mit unseren Rädern dorthin geradelt, um Pumpenwasser zu trinken.“ Auch Eier kaufte er dort für seine Eltern. Fasziniert waren Eckelt und seine Freunde vom noch vorhandenen Plumpsklo. Der Anbau im Fachwerkstil wurde später abgerissen, das Hauptgebäude steht heute noch an der Goerdelerstraße, kurz vor der Einmündung zur Vinzenzstraße.
Clemens Overmann war von seiner Cousine Elisabeth Kramer auf das Bild aufmerksam gemacht worden. Es hing bei Jochen Kroes, der es von seiner Mutter Inge geerbt hatte. Overmann kaufte ihm das Stillleben mit Werner Lokalkolorit ab. Danach begann er, über Repke zu recherchieren. „Obwohl das eigentlich die falsche Reihenfolge ist“, sagt er. „Aber das war mir egal. Ich habe eine Lokalmacke und die Szene mit der Kirche und dem Haus fand ich gut.“

Heinrich Repke absolvierte Ende des 19. Jahrhunderts eine Lehre als Dekorationsmaler und Bildnismaler in einem Wiedenbrücker Atelier. Anfang des 20. Jahrhunderts machte er sich in Wiedenbrück selbstständig. Er gehört zur Wiedenbrücker Schule – einer Künstlergemeinschaft, die sich einen bedeutenden Ruf für Kirchenkunst und Kirchenausstattung in Westfalen erwarb. Stilistisch orientierten sich die Künstler am Historismus, also an der Neuinterpretation vergangener Epochen wie dem Barock oder der Renaissance. Ihre Bildinhalte setzten sie detailreich und realistisch in Szene. So wie es auf einem der Hauptwerke von Heinrich Repke zu erkennen ist, das sich in der St. Christophorus-Kirche befindet: der mehrere Meter hohen vielfigurigen Kreuzigungsszene im östlichen Seitenschiff.
Was Clemens Overmann allerdings bei seinen Recherchen „erschreckte“, war die Tatsache, dass sowohl Adolf Hitler als auch dessen „Reichsführer der Deutschen Arbeitsfront“, Robert Ley, jeweils ein Gemälde von Heinrich Repke besaßen. Wie auf der Forschungsplattform zu den „Großen Deutschen Kunstausstellungen“ (1937–1944 in München) nachzulesen ist, erwarb Hitler 1938 Repkes Ölgemälde „Der weiße Truthahn“ für 750 Reichsmark. Ley investierte 1942 sogar 3.000 Reichsmark für das Stillleben „Schläft ein Lied in allen Dingen“.

Die erste der „Großen Deutschen Kunstausstellungen“ (GDK) fand im Juli 1937 statt, parallel zur berüchtigten Schau „Entartete Kunst“. Mit der erstgenannten Ausstellung wollte Hitler demonstrieren, was er für „echte“ deutsche Kunst hielt. In der anderen wurden Künstlerinnen und Künstler des Expressionismus, des Dadaismus, des Kubismus und des Bauhauses als „entartet“ verfemt. Heinrich Repke stellte mehrmals auf der GDK aus. Über seine politische Überzeugung sagt das allerdings nichts aus. Viele Künstlerinnen und Künstler beugten sich dem Druck des Regimes. Und wer nicht für eine der Deutschen Kunstausstellungen von Hitler, Goebbels oder deren Vertretern ausgewählt wurde, hatte wenig Chancen auf ein auskömmliches Schaffen in der NS-Diktatur. Die Wahl fiel nicht zwangsläufig auf Werke mit explizit nationalsozialistischen Inhalten, sondern auf Landschaften, Porträts oder Genreszenen, deren traditioneller Stil den Machthabern gefiel. Eine Anfrage von WERNEplus beim Enkel von Heinrich Repke zur Einordnung seines Großvaters blieb unbeantwortet.






















