Fußball-Profi Marvin Pourié hört auf: „Habe mich nie verbiegen lassen“

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Werne. Nach fast zwei Jahrzehnten im Profifußball hat Marvin Pourié via Instagram seinen Rücktritt als Aktiver bekanntgegeben. Der 35-Jährige begann seine Laufbahn beim SSV Werne, startete im Nachwuchsbereich von Borussia Dortmund und in der Jugendakademie des FC Liverpool durch, war deutscher U18-Nationalspieler, wurde dänischer Meister und Pokalsieger mit dem FC Kopenhagen, spielte mit diesem Klub in der Champions League und stieg nach seiner Deutschland-Rückkehr mit dem Karlsruher SC und Eintracht Braunschweig in die 2. Bundesliga auf.

Die Karriere des Angreifers hatte, wie der Spieler selbst, einige Ecken und Kanten. Er habe sich eben nie verbiegen lassen, sagt Pourié, dessen Profikarriere 20 Stationen umfasste, im Interview für WERNEplus.

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Sie haben zuletzt beim Regionalliga-Aufsteiger Westfalia Rhynern vorgespielt und standen mit einem Drittligisten in Verhandlungen. Was hat Sie dann dazu bewogen, ihre Karriere zu beenden?

Es hat gedauert, selber zu sagen, ich höre jetzt auf. Nach meiner Familie, meiner Frau und den Kindern gibt es nichts Schöneres als Fußball. Es hat mich immer fasziniert, dabei andere Länder und andere Kulturen kennen zu lernen. Jetzt habe ich gemerkt, dass meine Zeit einfach zu Ende ist.

Fast 20 Jahre lang haben Trainings-, Spiel-, Ernährungs- und Reisepläne dafür gesorgt, dass Ihr Leben als Profi wenig selbstbestimmt war. Ist es schwierig, jetzt den Schalter umzulegen und auch mal alle Fünfe gerade sein zu lassen?

Das war schwierig. Als ich bei Rot Weiss Ahlen angefangen habe vor eineinhalb oder zwei Jahren, da fing es ja schon damit an, dass wir nur abends trainiert haben. Und das hat sich mit der letzten Station beim Regionalligisten Fulda auch so hingezogen. Ich habe echt gedacht: Mein Gott, was fange ich jetzt mit dem Tag an. Die Strukturen, die mich über Jahre geprägt haben, die mir aber auch geholfen haben, mich zu entwickeln, die haben tatsächlich von jetzt auf gleich gefehlt. Davon wegzukommen und zu sagen, ich kann 24/7 für meine Familie da sein, war ein Prozess. Am Ende wollte ich nur noch mit Spaß Fußball spielen, so hoch wie möglich. Ich musste niemandem mehr etwas beweisen.

Sie müssen ihr Leben nun neu strukturieren. In welcher Form?

Ich fange jetzt mit meiner B-Lizenz an, werde die Trainerlaufbahn weiter verfolgen bis zum Fußballlehrer. Ich habe mit meinem Berater bereits darüber gesprochen, dass ich die Möglichkeit habe, bei Bundesligisten oder bei Klubs in England zu hospitieren. Die Chance, im Fußball zu bleiben, aber auf der anderen Seite als Trainer oder Sportlicher Leiter, das steht jetzt auf meiner Agenda. Ich habe nebenher ja auch Sportmanagement studiert. Anfang des Jahres habe ich außerdem eine Firma für Personaldienstleistungen (Pourié Insight GmbH, d. Red.) gegründet, die mir und der Familie als zweites Standbein dient – und um Erfahrungen und Kontakte in der freien Wirtschaft zu sammeln. Das machen meine Frau und ich zusammen. Wir haben auch schon Kunden in Werne.

Sollten Ihre Pläne aufgehen, würden Sie ja in das Hamsterrad Profifußball zurückkehren. Haben Sie nicht die Befürchtung, wieder in eine Abhängigkeit zu geraten?

Nun ja, wie kann man nicht abhängig vom Fußball sein. Fußball ist doch wie eine Droge, eine Leidenschaft. Und diese Leidenschaft steckt weiter in mir. Und die möchte ich den Spielern mitgeben. Die Floskel älterer Kollegen, die mir gesagt haben: genieße die Zeit als Profi, sie ist von kurzer Dauer, die habe ich mir auch anhören müssen. Da war ich Mitte zwanzig und habe auch gedacht: Was wollen die von mir, ich spiele Champions League und stehe in der Blüte meines Lebens. Aber im Nachhinein muss ich sagen: was die gesagt haben, das stimmt. Ich möchte nun meine Erfahrungen so umsetzen, dass ich als Trainer erfolgreicher bin, als ich es als Spieler war.

Um auf Ihre Spielerkarriere zu blicken: Sind Sie zufrieden mit dem Erreichten, oder sagen Sie, die ist unvollendet, da fehlt etwas?

Ich bin glücklich und stolz auf meine Karriere. Eines habe ich nie gemacht: Ich habe mich nie verbiegen lassen.

Deshalb 20 Vereine?

Ich war immer ehrlich und direkt. Viele kamen damit klar, viele aber auch nicht. Wenn ich selber gemerkt habe, dass etwas nicht funktioniert, war ich der erste, der gesagt hat: passt auf, wir gehen unterschiedliche Wege, das klappt nicht mehr. Ich habe immer zum Wohle der Mannschaft gedacht – und für den Erfolg.

Sind Ihnen von allen Klubs, für die Sie gespielt haben, auch welche ans Herz gewachsen?

Ja, ich war fünf Jahre in Dänemark, da bin ich immer noch gerne gesehen. Die Erfolge mit Kopenhagen, alles schön und gut, aber meine schönste Zeit hatte ich, als ich nach Deutschland zurückgekehrt bin. Ich hatte wundervolle Jahre in Karlsruhe, habe dort noch zu vielen Kontakt.

Aufstieg in die 2. Liga, Torschützenkönig und Spieler des Jahres in der 3. Liga inklusive Vertragsverlängerung. Es schien so, dass Sie in Karlsruhe sesshaft würden. Was hat dazu geführt, dass Sie heute im Emsland nahe Meppen leben?

Das waren private Gründe. Es war nach einem Spiel in Stuttgart, wo ich voll durchgespielt und auch gut gespielt habe. Meine Frau hatte direkt danach einen schweren Autounfall, lag auf der Intensivstation. Ich habe trotzdem jeden Morgen auf dem Trainingsplatz gestanden, habe voll mittrainiert, bin dann zurück ins Krankenhaus, habe dort geschlafen, bin wieder zum Training. Ich habe meinen Job gemacht und habe trotzdem im nächsten Spiel gegen Sandhausen 90 Minuten nur auf der Bank gesessen mit der Begründung, ich sei nicht voll bei der Sache. Die Reaktion der Verantwortlichen, auch vom Trainer, die fand ich in dem Zusammenhang dann sehr grenzwertig, da komme ich auf das Zwischenmenschliche. Es hat einen Riss gegeben, der war nicht zu kitten, was ich sehr schade finde. Ich wollte eigentlich nicht gehen, zumal der Rest des Vereins, Fans und Mannschaft sich rührend gekümmert haben. Auch in Braunschweig gab es die Möglichkeit zu bleiben. Wir hatten eine eingeschworene Truppe, noch mehr als in Karlsruhe, und sind als Mannschaft n der schwierigen Corona-Zeit aufgestiegen.

Warum dann nach Meppen?

Ich bin dann per Leihe nach Kaiserslautern gegangen, war dort sofort im Mannschaftsrat und im Winter war eigentlich klar, dass ich fest verpflichtet werden soll. Ich wollte das auch, weil ich mich von meiner Art her zu 100 Prozent mit Lautern identifizieren kann. Die Fans haben mich geliebt, ich habe die meistern Tore geschossen und hatte die meisten Scorer, aber es kam durch einen Wechsel im Sportvorstand nicht dazu. Später haben mich Heiner Beckmann und Stephan Kremer total vom SV Meppen überzeugt. Leider folgte der bittere Abstieg, wo ich trotz Meniskusriss, und – wie sich später herausgestellt hat – Riss des vorderen Kreuzbandes noch versucht habe zu spielen, weil wir die Chance hatten, in der 3. Liga zu bleiben. Ich bin dann mit meiner Frau Pia und den inzwischen drei Jungs aber im Emsland hängen geblieben.

Es gibt Leute, die nennen Sie einen Wandervogel…

…Sollen sie, das interessiert mich nicht. Für mich war das eine Entwicklungsreise. Ich spreche drei Sprachen, habe andere Länder, andere Kulturen und viele tolle, weil ehrliche Menschen kennen gelernt und Verbindungen aufgebaut.

Wo würden Sie in diesem Zusammenhang ihre Zeit beim FK Ufa einordnen?

Ich könnte jetzt sagen, der sportliche Reiz der russischen Liga war enorm. Aber ganz ehrlich, der Weg nach Russland war vom Finanziellen her so attraktiv, dass ich nicht nein sagen konnte und auch nicht wollte. Aber es war eine Leidenszeit. Das Land ist riesig. Ufa liegt am Ural, fünf, sechs Flugstunden von Moskau und insgesamt acht oder neun von zuhause entfernt.

Sie hatten auch Pech wie beim SV Zulte Waregem. Sie kamen im Januar 2014 dorthin, köpften den Verein gleich in ihrem ersten Spiel ins belgische Pokalfinale und mussten dann wegen einer Gürtelrose zuschauen.

Oh ja, das war ganz bitter. Es war für mich, aber auch für den Verein eine schwierige Situation. Ich bin da auf Thorgan Hazard getroffen, ein unglaublicher Fußballer. Wir haben uns auf Anhieb gefunden und super verstanden. Es hätte ein erfolgreiches halbes Jahr werden können.

Wo ordnen Sie die Einsätze in der Champions League gegen Juventus Turin, Real Madrid mit Cristiano Ronaldo oder Bayer Leverkusen ein? Sind das mehr als schöne Erinnerungen?

Ja, auf jeden Fall. Es ist doch das, wovon wir alle träumen.

Am Ende bleibt ein Thema. Wie oft ärgern Sie sich heute noch darüber, dass Sie als junger Spieler bei ihrer ersten Profistation, 1860 München, nach einer vom Trainer und einem der Platzhirsche provozierten Auseinandersetzung noch auf dem Trainingsplatz dem Ruf Ihres Vaters gefolgt sind, der sagte: Marvin, wir gehen? Und inwieweit hat das Ihre Karriere beeinflusst?

Oh, extrem. Wir schauen in Deutschland nur darauf, dass es passiert ist. Aber nicht, wie und warum. Das hat meine Karriere insofern beeinflusst, dass ich gehen musste, um irgendwann noch einmal wiederzukommen. Das war maßgebend dafür, dass ich ins Ausland gegangen bin, wobei ich in Koblenz unter Petrik Sander ja zuvor noch in der 2. Bundesliga gespielt habe. Um meine Qualitäten ging es in Deutschland nie, ob in der ersten, zweiten oder dritten Liga. Alle sagten: Oh, ein Top-Stürmer, aber wir nehmen ihn nicht, weil er einen schwierigen Charakter hat. Nur weil ich direkt und ehrlich bin und alles dem Erfolg untergeordnet habe. Ich weiß nicht, was ich da falsch gemacht habe. Aber ich habe mich nicht verbiegen lassen und bin der geblieben, der ich sein will. Deshalb kann ich auch jeden Morgen aufrecht in den Spiegel schauen – und mich auf das freuen, was da jetzt so kommt.

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