Werne. „Die Lippe ist für uns ein sehr wichtiger Lebensraum für Tiere (Rote Liste), Pflanzen und Menschen“, heißt es im Flyer des Vereins Saubere Lippe e.V.
Der Verein um den Vorsitzenden Clemens Overmann, Birgit Kühmichel und Konrad Seiler sieht durch die Einleitung des Grubenwassers durch die RAG erhebliche Belastungen und Gefahren durch Schwermetalle, Öle und Chloride (Salze) bis hin zu Umweltgift PCB auf den Fluss zukommen, der sich zwischen Bergkamen und Werne durch das Naturschutzgebiet Lippeaue schlängelt.
Auf Bergkamener Seite, am Standort der ehemaligen Zeche Haus Aden, entsteht derzeit eine Aufbereitungsanlage der RAG, die künftig Eisen aus dem Grubenwasser ausfiltern soll, bevor es in die Lippe eingeleitet wird. Ein Hebewerk soll noch in diesem Jahr beginnen, Grubenwasser aus dem gesamten Bereich des östlichen Ruhrgebiets – also auch aus Hamm, Bönen und Werne abzupumpen. Dies soll verhindern, dass sich mit Salzen und Schadstoffen belastetes Grubenwasser mit dem Grundwasser mischen kann.
Nach dem Bergbau-Ende zählt das dauerhaft notwendige Abpumpen von Grubenwasser zu den sogenannten Ewigkeitslasten. Die Rede ist von bis zu „15 Millionen Kubikmetern“ Grubenwasser, das jährlich eingeleitet werden soll. Es sammelt sich in Gruben, Stollen und Schächten und trägt, das befürchten die Vereinsmitglieder, eine schädliche Fracht. Denn es lagere ein „Chemiecocktail“ im dort verfüllten Sondermüll, so Konrad Seiler. „Laut Bezirksregierung Arnsberg lagern unter Tage 75.600 Tonnen hochgiftigen Sondermülls“. Aus dem Grubenwasser werde aber nur Eisen herausgefiltert, erläutern die drei Mitglieder von Saubere Lippe und fordern deshalb mehr und bessere Ausfilterungen.
Vor allem, dass auf diesem Wege hochgiftiges PCB (Polychlorierte Biphenyle) in die Lippe gelangen könnte, bereitet Sorgen. „Ein Skandal“, so Overmann. Deshalb setzt man sich dafür ein, außer Eisen auch andere Schadstoffe auszufiltern.
„Wir wollen keine Panik machen, müssen es aber benennen“, sagt Birgit Kühmichel. Und Konrad Seiler fragt: „Was ist in Zeiten von Trockenheit und Niedrigwasser, wie viel Grubenwasser wird dann eingeleitet? Und was ist bei Starkregen, wenn sich die Lippe in ihre Retentionsflächen ausbreitet?“
RAG sieht gewässerverträgliche Aufbereitung
„Es gibt umfangreiche gutachterliche Untersuchungen, die aussagen, dass das Thema PCB bei einer Einleitung in die Lippe nicht von Relevanz ist“, sagte Markus Roth, Leiter des Fachbereichs Grubenwassermanagement, im April in einem Beitrag des WDR. Darüber hinaus werde die PCB-Fracht durch den Grubenwasseranstieg selbst deutlich reduziert. Die RAG sei davon überzeugt, dass sie das Grubenwasser hier gewässerverträglich aufbereiten und alle vorgegeben Zielwerte einhalten könne, hieß es weiter.
Die Entscheidung der RAG, aus Gründen der Energieersparnis den Pegelstand des Grundwassers von einer Höhe von -600 Metern auf minus -380 Metern NHN (Normalhöhennull) künftig kontrolliert ansteigen zu lassen, bevor es abgepumpt wird, berge weitere Risiken, vermutet man beim Verein Saubere Lippe.
So könne der Druck des ansteigenden Grubenwassers Hebungen von bis zu 30 Zentimetern nach sich ziehen, und potenziell Bergschäden an Häusern sowie Ausgasungen von Grubengasen wie Methan und Radon verursachen.

Vor diesem Hintergrund stellen Overmann, Kühmichel und Seiler weitere Überlegungen an:
„Es werden 55.000 Quadratmeter für die Grubenwasserreinigungsanlage im Landschaftsschutzgebiet neu versiegelt.“
„Wir fragen uns, ob alle relevanten Parameter ausreichend überwacht werden, neben dem Eisen auch andere Schadstoffe, wie z.B. PCB, und ob es unabhängiges Monitoring geben wird.
„Keinerlei Aussagen tätigt die RAG über die Gaswegigkeit von Methan und Radon. Über 4.000 Messstellen sind ein Indiz für die Ernsthaftigkeit dieses Problems bei steigendem Grubenwasser von -600 auf -380 Meter.
„Wir sehen in diesen Vorgehensweisen klare juristische Verstöße gegen die Europäischen Wasserrahmenrichtlinie (WRRL), die von der Bundesregierung im Jahre 2022 ratifiziert wurde. In diesem Zusammenhang verweisen wir auch auf das Verschlechterungsverbot. Das Ziel ist eine systematische Verbesserung und keine weitere Verschlechterung des Zustandes aller Gewässer.“
„Wir fragen uns, ob es kumulative Effekte geben wird, wenn über Jahre bzw. Jahrzehnte hinweg belastetes Grubenwasser in die Lippe eingeleitet wird.“
„Die Stockholmer Konvention ist eine Übereinkunft über völkerrechtlich bindende Verbote und Beschränkungsmaßnahmen für bestimmte langlebige, organische Schadstoffe (POP). Seit dem 17. März 2014 trifft diese Vereinbarung für Deutschland zu. Laut BUND lagern etwa 12.000 Tonnen PCB-belastete Hydrauliköle in nordrhein-westfälischen Steinkohlebergwerken. Mit der Einstellung der Wasserhaltung und dem „Absaufen“ der alten Stollen besteht das Risiko, dass diese Gifte in die Biosphäre gelangen können. Es kann nicht unerwähnt bleiben, dass seit den 80er Jahren 1,6 Millionen Tonnen Sondermüll und andere bergbaufremde Reststoffe in den NRW-Bergwerken verklappt worden sind.“
„Wir fragen uns daher, wie die Langzeitwirkungen auf die diversen Ökosysteme sein werden, wenn das Grubenwasser in die Lippe geleitet wird. Bereits jetzt konnten bei einem Monitoring PCB-Ablagerungen auf dem Grund der Lippe festgestellt werden, vermutlich als Folge der Einleitungen bis 2019.“
„Nach unserer Auffassung ist die Einleitung ein rechtlicher Verstoß gegen die völkerrechtlich bindenden Verbote und Beschränkungsmaßnahmen für bestimmte langlebige, organische Schadstoffe (POP).“
„In den letzten Jahrzehnten hat die RAG viel Gutes geleistet und auch viel Geld verdient. Die Ewigkeitskosten, zu denen auch der sachgerechte Umgang mit dem Grubenwasser gehört, obliegt vertraglich eindeutig der RAG. Es kann nicht sein, dass die RAG sich dieser Verantwortung entzieht und die Ewigkeitskosten dem Steuerzahler überlässt.“





















