Jubiläum für Wallfahrt: Gelebtes Glaubensbekenntnis seit 350 Jahren

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Werne. Es regnet in Strömen. Etwa 200 Menschen halten an, ziehen ihre Regenjacken über und gehen weiter. Schlechtes Wetter sind die Wallfahrer von Werne nach Werl gewöhnt. Ebenso wie Hitzewellen. Beides hält sie nicht davon ab, die knapp 33 Kilometer zum Gnadenbild der „Trösterin der Betrübten“ zu laufen. In diesem Jahr findet die 350. Wallfahrt statt. Der Wallfahrtsausschuss hofft, auch mit der Zahl der Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Zahl „350“ erreichen zu können.

Gelaufen wird wie immer am letzten Wochenende der Sommerferien. Bei vielen Menschen aus Werne steht der Termin fest im Kalender. Manche reisen dafür von weither wieder in ihre Heimatstadt. Eine Frau erzählt, sie sei den Weg schon zusammen mit ihrer Mutter gegangen, als sie noch in der Schule war. Eine andere lobt die gemeinschaftliche Atmosphäre: „Aufeinander aufpassen und Rücksicht nehmen, das gibt einem viel. Wir sind zu einer großen Pilgerfamilie geworden.“ Andere wollen raus aus dem Alltag oder die sportliche Herausforderung annehmen. Und dann ist da der Moment, in dem man abgekämpft in der Wallfahrtsbasilika ankommt. „Wenn dann die Orgel einsetzt, das gibt mir immer ganz viel“, erzählt eine langjährige Wallfahrerin.

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In jedem Fall fühlen sich die Teilnehmer auf dem Weg gut aufgehoben, dank der Planung des Wallfahrtsausschusses und der Begleitung ehrenamtlicher Rotkreuzhelferinnen und -helfer. Im Mittelalter dagegen verließ kaum jemand die Sicherheit einer ummauerten Stadt ohne triftigen Grund. Pilgerreisen waren eine solche Motivation. Immerhin verhießen sie den Gläubigen einen erheblichen Sündennachlass. Außerdem erhofften sie sich Trost und Zuspruch von Gnadenbildern wie in Altlünen, Herford, Werl oder Telgte. Maria sprach als Mutter Gottes die Bedürfnisse der Menschen besonders an. Sie galt als Fürsprecherin vor Gott und wirkte zugänglicher als der richtende Gottvater oder -sohn.

Reformation und Krieg: Wallfahrten brechen ein

Wenn der Kartäusermönch Werner Rolevinck in seinem „Westfalenlob“ (um 1478) berühmte Heilige und Wallfahrtsorte seiner Heimat aufzählt, fehlt Werl. Dabei kommen nach Angaben des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe jährlich etwa 150.000 Pilger in die Stadt. Damit ist sie die größte Wallfahrtsstätte in Westfalen. Doch die Wallfahrt zur Marienfigur gewann erst ab 1661 an Bedeutung, nach Reformation und Dreißigjährigem Krieg. Viele Wallfahrten waren damals zurückgegangen. Landesherren und Städte wurden protestantisch, religiöse Orte zerstört oder aufgegeben. Nach dem Krieg belebten katholische Bischöfe und Orden zahlreiche Wallfahrten, um den katholischen Glauben wieder zu stärken. In diesem Zusammenhang entwickelte sich auch Werl zu einem wichtigen Wallfahrtsort.

Das Gnadenbild in Werl stammt aus dem 12. Jahrhundert. Es folgt einem spätromanischen Typus, bei dem Maria als Thron für das Jesuskind dient. Foto: Besim Mazhiqi / Erzbistum Paderborn

Das dortige Gnadenbild war lange Zeit in Soest verehrt worden. Die sogenannte „Trösterin der Betrübten“ stammt aus dem 12. Jahrhundert und gehört zu den ältesten Gnadenbildern Deutschlands. Der Figurentyp wird kunsthistorisch als „Sedes Sapientiae“, also als „Thron der Weisheit“, bezeichnet. Dies war in der Romanik ein beliebtes Motiv. Dabei wurde Marias Körper so an ihren Stuhl angepasst, dass sie als Thronsitz für das Jesuskind dient. Auf ihrem Schoß präsentiert sie Jesus als „Neuen Salomon“, also als gerechten und weisen König. Die Verehrung der Trösterin in der Soester Wiesenkirche ist ab 1351 bezeugt.

Neuer Schwung im Barock: 65.000 Kommunionen im Jahr 1747

Nachdem Soest protestantisch geworden war, geriet das Gnadenbild in Vergessenheit. Bis es der Kölner Kurfürst und Erzbischof Maximilian Heinrich 1661 nach Werl überführen ließ. Die Kapuziner dort übernahmen anschließend die Betreuung der Wallfahrt. Sie veranlassten 1669 den Bau einer Wallfahrtskirche. 1676 organisierten wiederum die Kapuziner in Werne erstmals die Fußwallfahrt nach Werl. Als Papst Clemens XIII. 1763 einen Ablass für Werl-Pilger erließ, erlebte die Stadt einen weiteren Aufschwung. Susanne Hansen nennt in ihrem Pilgerführer „Die deutschen Wallfahrtsorte“ 65.000 Kommunionen im Jahr 1747. Ende des 18. Jahrhunderts entstand eine neue barocke Wallfahrtskirche. Zwischen 1904 und 1906 wurde die heutige Basilika gebaut. Inzwischen hatten Franziskaner die Pflege der Wallfahrt übernommen. Das Kapuzinerkloster in Werl war aufgehoben worden, als die Provinz Westfalen 1816 an Preußen fiel.

Unter Federführung des Reichskanzlers Otto von Bismarck versuchte der preußische Staat zwischen 1871 und 1878, den Einfluss der katholischen Kirche zurückzudrängen. Infolgedessen wurde auch das Kapuzinerkloster Werne aufgelöst. Kurzerhand machten die Katholiken in Werne aus ihrer angestammten Wallfahrt eine politische Kundgebung. Um Unruhen zu vermeiden,

beschlossen die Behörden in Arnsberg und Münster, dass „althergebrachte Prozessionen“ wie die von Werne nach Werl geduldet würden. Später verboten die Nationalsozialisten die Wallfahrt nach Werl. Auch der Protest des Münsteraner Bischofs Clemens August von Galen konnte nichts ausrichten; das Verbot wurde zudem streng überwacht, in Werne von dem fanatischen NS-Bürgermeister Kraus. Trotzdem pilgerten die Menschen weiter nach Werl – in kleinen Gruppen, die sich als Wanderer oder Ausflügler tarnten. Insofern gilt, was der langjährige Wallfahrtsleiter Heinz Abdinghoff über die Wallfahrt sagte: „Das ist ein Glaubensbekenntnis, das gelebt und erlebt wird.“

Egal, ob Hitze oder strömender Regen: Die Fußwallfahrt von Werne nach Werl findet statt. Archivfoto: Schwarze

Zum Programm: Die 350. Wallfahrt von Werne nach Werl beginnt am Samstag 29. August 2026, um 5.45 Uhr mit dem gemeinsamen Gebet in der Klosterkirche. Unterwegs gibt es zwei Raststationen, 8 Uhr in Pelkum und 11 Uhr an der Drechener Kirche. Ankunft in Werl ist für 14.15 Uhr geplant, 14.30 Uhr ziehen die Wallfahrer in die Basilika ein.

Am Sonntag, 30. August 2026, geht es nach Pilgerhochamt und Kreuzwegandacht gegen 12 Uhr zurück nach Werne. Weitere Informationen, auch zu Übernachtungsmöglichkeiten und einem Bustransfer nach Werne am Samstag, stellt der Wallfahrtsausschuss auf seiner Internetseite zur Verfügung, auch zum Herunterladen: https://wallfahrt-werne-werl.de/jubilaeum-350-jahre-fusswallfahrt-werne-werl/ Die Festschrift zum Jubiläum ist Ende Mai erschienen.

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