„Wie ein Zuhause auf Zeit“ – Schausteller Patrick Arens zu Sim-Jü

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Werne. Patrick Arens ist quasi auf Sim-Jü groß geworden und heute Präsident des Bundesverbands der Schausteller und Marktkaufleute. Im Gespräch mit WERNEplus erzählt er von seiner persönlichen Verbindung zur Werner Kirmes, dem Alltag der Schausteller und der Bedeutung von Sim-Jü für die Stadt. Das Interview führte Anke Barbara Schwarze.

Herr Arens, Ihre Familie hat die Sim-Jü-Kirmes in den vergangenen Jahrzehnten entscheidend mitgeprägt. Was sind Ihre frühesten Erinnerungen an die Werner Kirmes?

Ich bin praktisch auf Sim-Jü groß geworden. Meine Urgroßeltern waren ja schon dabei, und ich kann mich noch gut an Zeiten erinnern, als ich fünf oder sechs Jahre alt war. Besonders im Gedächtnis ist mir das Fußballspiel 1973 zugunsten des neuen Hallenbads geblieben. Das fand damals noch auf dem alten Aschenplatz am Hagen statt. 1979 habe ich zum ersten Mal selbst mitgespielt. Ich war zwölf Jahre alt und weiß noch, wie aufgeregt ich war, als ich zum ersten Mal eingewechselt wurde.

Was ist für Sie das Besondere an Sim-Jü?

Sim-Jü war immer sehr familiär. Die Geschichte dieser Kirmes wird in Werne sehr bewusst gelebt. Dazu hat auch Rainer Schulz mit seiner Freundschaft zu meinem Vater Hans-Peter Arens oder zu Otto Wendler viel beigetragen. Auch deswegen gab es immer einen sehr, sehr guten Kontakt zu den Geschäftsleuten und zur Bevölkerung. Und mit den Platzmeistern (heute: Marktmeister, Anm. der Red.) konnte man immer gut reden. Sie hatten und haben für jeden ein offenes Ohr, egal ob es kleine oder große Geschäfte sind. Was dieses Persönliche angeht, da würde ich Werne eine kleine Nuance vor anderen Volksfesten sehen. Hinzu kommt: Man ist in Werne zwar auf der Kirmes, aber gleichzeitig mitten in der Stadt. Für uns Schausteller gab es immer feste Anlaufpunkte, an denen man sich abends noch getroffen hat. Das ist ein bisschen wie ein Zuhause auf Zeit.

Für die Menschen in Werne bedeutet Sim-Jü von Samstag bis Dienstag. Der Aufbau dauert ein paar Tage und dann sind die Schausteller quasi von einem Tag auf den anderen weg.

Das ist eben unser Arbeitsalltag: Große Fahrgeschäfte so schnell wie möglich von einem Ort zum anderen zu bewegen. Wir dürfen ja meistens am Dienstag vor Kirmesbeginn anfangen, aufzubauen, in der Fußgängerzone etwas später. Dann erleben die Besucher vier Tage Spaß – und wenn der Spaß vorbei ist, sind wir schnell wieder weg, damit das normale Alltagsleben in Werne weitergehen kann. Etwa 30 bis 40 Prozent von uns fahren anschließend direkt nach Soest zur Allerheiligenkirmes. Andere fahren ins Winterquartier, um sich dort auf die Weihnachtsmärkte vorzubereiten. Es ist eben eine Gemeinschaft auf Zeit.

Wie bewerten Sie die Zusammenarbeit zwischen den Schaustellern und der Stadt Werne?

Wie überall gibt es hier und da Differenzen. Aber wir schaffen es am Ende immer, einen gemeinsamen Weg zu finden. In Werne hat man ein Ohr für die Probleme der Schausteller. Jeder kann mit seinen Anliegen und Sorgen auf die Verwaltung zugehen. Gerade bei Sicherheitsabsperrungen muss man darauf achten, die Belange der Beschicker zu berücksichtigen.

Wie beurteilen Sie diese Sicherheitsanforderungen?

Die Sicherheit ist bei Volksfesten noch stärker in den Fokus gerückt. Und ein überregional bekanntes Fest wie Sim-Jü muss sich natürlich wappnen. Dabei müssen wir aber das richtige Maß finden. Der Veranstalter muss seiner Verantwortung gerecht werden, gleichzeitig muss eine Kirmes finanzierbar bleiben. Gerade bei Maßnahmen zur Terrorabwehr sehen wir die öffentliche Hand in der Pflicht. Das ist eine allgemeine Gefahr und keine Gefahr, die durch ein bestimmtes Volksfest ausgelöst wird.

Die Coronapandemie war für Ihre Branche eine große wirtschaftliche Belastung. Wie geht es inzwischen weiter?

Gerade die ersten Jahre nach Corona haben den Menschen gezeigt, was ihnen gefehlt hat. Ein Volksfest ist ein Ort des Zusammenkommens. Das kennt man gerade von Sim-Jü: Viele Menschen, die nicht mehr in Werne wohnen, kommen für diese vier Tage extra nach Hause. Gerade weil diese Kirmes so fest in der städtischen Identität verankert ist. Insgesamt haben sich die Besucherzahlen nach Corona wieder sehr gut entwickelt. Teilweise sind sie im Vergleich zu vorher noch gestiegen. Ob das reicht, damit sich unsere Branche vollständig erholt, wird sich zeigen.

Sie sind Vorsitzender des Schaustellervereins Rote Erde in Dortmund und Präsident des Bundesverbands Schausteller und Marktkaufleute. Kommen Schausteller zwischen Zuckerwatte und Riesenrad mit Anliegen auf Sie zu?

Natürlich. Wir sind ja nicht irgendwelche unnahbaren Präsidenten, sondern mittendrin im Geschehen. Ein Großteil meiner Freunde steht mit in Werne, man kennt sich. Dadurch ergeben sich immer wieder Gespräche, auch zu Themen, die nicht nur in Werne aktuell sind. Die Kollegen sprechen mich einfach an.

Im März 2026 hat die Deutsche UNESCO-Kommission die „Schaustellerkultur auf Volksfesten“ offiziell ins bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Sie haben diesen Prozess jahrelang begleitet: Was haben Sie empfunden, als die Auszeichnung bekannt gegeben wurde?

Das war ein unglaubliches Glücksgefühl. Viele Kollegen haben mich danach angesprochen und gesagt, dass sie ihre Arbeit endlich einmal gebührend gewürdigt sehen. Für unseren Beruf ist dieser Eintrag ins Kulturerbe einfach ein Riesenschritt, denn er trägt dazu bei, dass wir nicht nur unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten gesehen werden, sondern auch hinsichtlich der emotionalen Bedeutung, die unsere Branche für viele Orte hat.

Sie haben einmal gesagt, der Sim-Jü-Dienstag mit seinem traditionellen Krammarkt sei „das Herz der Kirmes“. Was meinen Sie damit?

Gerade an diesem Dienstag verabreden sich viele Cliquen, manche wochenlang vorher. Und dann gehen 20 Leute zusammen erst über den Krammarkt und dann über das Volksfest. Wo gibt es das sonst noch? In vielen anderen Städten sind diese Krammärkte weniger geworden. Werne bewahrt diese Tradition. Und dafür macht sich die Verwaltung ja auch nochmal die Arbeit, sich um Straßensperrungen und Absprachen mit Gastronomen und Geschäftsleuten zu kümmern. Außerdem spiegelt der Krammarkt ja die Geschichte dieser Kirmes, die aus einem Markt, aus einer Kirchmesse entstanden ist.

Haben Sie jemals mit einem anderen Berufswunsch als dem des Schaustellers geliebäugelt?

Als Kind wollte ich Profifußballer werden, wie viele Jungs. Ich habe es immerhin bis zur Oberliga geschafft. Es gab als junger Mensch vielleicht einmal den Gedanken an Journalismus, aber das war eher lose. Die Schaustellerei war schon mein Ding. Natürlich hat der Beruf nicht nur gute Seiten. Früher waren 24- oder 48-Stunden-Tage keine Seltenheit. Beim Abbau wurden schon mal 14 oder 15 Stunden am Stück gearbeitet. Das sieht der Besucher natürlich nicht. Trotzdem: Eine ernsthafte Alternative gab es für mich eigentlich nie. Schausteller – das war schon immer richtig.

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