Werne. Der UNESCO-Welttag des Buches feiert am 23. April das Lesen und das Buch. Trotz digitaler Medien wollen vor allem Kindergarten- und Grundschulkinder noch das „richtige“ Buch in der Hand haben. Das ist die Erfahrung von Anette Haida und Heike Walter, der ersten und der zweiten Vorsitzenden der Lesewelt Werne.
„Anfassen, umblättern, zurückblättern: Das geht nur mit einem Buch zum Anfassen“, sagt Anette Haida. „Und Kinder möchten auch die Illustrationen vor sich sehen, um sie mit der Geschichte zu verbinden“, ergänzt Heike Walter. Und das funktioniere mit einer Printausgabe einfach besser als mit einem E-Reader. „Damit arbeiten wir in der Lesewelt nicht.“ Seit 2008 gibt es den Verein. Etwa 40 aktive Mitglieder, in der Mehrzahl Frauen, lesen in Kindergärten, Grundschulen und Seniorenheimen in Werne vor. An manchen Schulen lesen die Paten bereits vor Beginn des Unterrichts im Offenen Ganztag.
Sie habe lange in der Barbaraschule gelesen, fährt Haida fort. Viele Schüler seien dadurch überhaupt erstmals in Kontakt mit Büchern gekommen. „Der eine oder die andere kam auf diese Weise auf die Idee, sich einen Büchereiausweis zu holen.“ Sie sei davon überzeugt, durch ihr Vorlesen das ein oder andere Kind zum Buch gebracht zu haben. „Die Freude, dass da jemand war, bei dem sich das Kind aufgehoben gefühlt hat – das ist mir bei späteren Begegnungen schon gespiegelt worden“, erinnert sich Walter.
Was die beiden Frauen zum Vorlesen aussuchen, hängt von ihrer Zuhörerschaft ab. „Jüngere kommen häufiger mit Büchern, die sie gern gelesen haben und aus denen sie selbst etwas vorlesen möchten“, sagt Heike Walter. Ältere Grundschulkinder interessierten sich für Geschichten, die sich mit Gruppendynamik oder anderen Themen aus ihrer Lebenswelt befassen. Was nach ihren Erfahrungen immer gehe, seien Abenteuergeschichten und Astrid Lindgren. „Was wir vorlesen, muss uns gefallen, sonst können wir es nicht schön lesen“, ergänzt Haida.
Eine Aktion, die Erwachsenen bestimmte Bücher und Autoren näher bringen sollte, musste leider „mangels Masse“, so Haida, aufgegeben werden. „Literatur pur“ hieß die Veranstaltung, bei der sich einen Nachmittag lang alles um einen Autor oder um eine Autorin drehte: Siegfried Lenz, Heinrich Böll, Jane Austen und Astrid Lindgren. Die jeweilige Biografie wurde vorgestellt, dann aus ausgewählten Werken vorgelesen. „Zum Schluss saßen wir leider nur mit drei Zuhörern da“, bedauert Haida. Wenn Lesepaten auf der Bühne des Weihnachtsmarktes vorlesen, stehen die Leute in ihrer Clique, den Glühwein in der Hand, offenbar mit anderen Dingen beschäftigt. „Tatsächlich erfahren wir aber hinterher, dass viele uns durchaus zugehört haben.“
In Seniorenheimen wecken Bücher oft Erinnerungen, gerade bei Demenzkranken. Daher wählen Haida und Walter oft entsprechende Erzählungen aus. Zum Beispiel über die Zinkwanne, in der sonntags die ganze Familie nacheinander badete und anschließend noch die Socken wusch. „Da ging es anschließend hoch hier im Gespräch“, berichtet Haida. Wie lange es dauerte, das Wasser heiß zu machen, und andere Erlebnisse seien zur Sprache gekommen. Tabu seien Kriegsthemen, weil viele Senioren noch traumatische Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg hätten. Walter greift gern zu Kurzgeschichten wie die von Elke Heidenreich. „Märchen und Romantisches werden ebenfalls gern gehört.“
Damit aus Kindern lesende Erwachsene werden, sollte man ihnen so früh wie möglich vorlesen. Davon sind Heike Walter und Anette Haida überzeugt. „Kinder müssen die Begeisterung fürs Buch spüren, müssen erfahren, dass Lesen zum Alltag gehört“, sagt Walter. Anette Haida stimmt zu: „Ob sich Kinder mit Büchern befassen, hängt davon ab, wie sehr die Familie es schätzt, sich Zeit für ein Buch zu nehmen.“ Als Lesepatin in Schulen weiß sie, dass man Kindern beibringen muss, fürs Zuhören zur Ruhe zu kommen, abzuschalten und sich nur auf das Vorgelesene zu konzentrieren. Sie selbst sei durch ihre Mutter zum Buch gekommen. „Meine Mutter war entweder mit einer Handarbeit oder mit einem Buch beschäftigt.“ Außerdem müsse ein gutes Angebot an Büchern vorhanden sein. Anette Haida schaut sich in der Stadtbücherei Werne um: „So wie hier.“






















