Werne. Gemeinsam mit Hubertus Waterhues und seinem Team von Bücher Beckmann empfiehlt unsere Autorin Anke Barbara Schwarze hier jeden Monat ein Buch, das sie besonders begeistert hat. Das kann ein Roman sein, ein Kinderbuch, ein Sachbuch oder ein Kochbuch: Hauptsache, es gefällt. Diesmal: „Der Club der Unbeugsamen“.
Für das erste Buch von Kathryn Stockett, „Gute Geister“, hätte ich vor 15 Jahren beinahe eine Verabredung sausen lassen. Seitdem warte ich darauf, dass sie ein weiteres Buch schreibt. In diesem Sommer ist es endlich soweit: „Der Club der Unbeugsamen“ ist auf Deutsch erschienen. In einer Zeit, in der soziale Medien unsere Aufmerksamkeitsspannen senken, hat diese Autorin sich Zeit genommen. Zeit zu recherchieren. Zeit zu schreiben. Und im Gegenzug hat ihr 800 Seiten starker Roman die Zeit verdient, die es braucht, ihn zu lesen. Er ist es wert.
Stockett erzählt die Geschichte zweier Frauen, die 1933 am Rande der südstaatlichen Konventionen stehen: eines Mädchens im Waisenhaus und einer jungen Frau, die keine Kinder bekommen kann. Meg und Birdie leben im Bundesstaat Mississippi, inmitten strenger Rassentrennung und Standesschranken. Die Bigotterie der herrschenden Klasse serviert die Autorin ihren Lesern gleich zu Beginn. Ein Schild verkündet: „Willkommen im Waisenasyl für Mädchen.“ Es folgt eine lange Liste von jenen Mädchen, die aufgrund ihrer Herkunft oder körperlicher Merkmale nicht aufgenommen werden. Unterschieben ist das Ganze mit den Worten „Der Herr segne euch“.
Frauen, die nicht ins Schema passen
Stockett beherrscht das Spiel mit bitterbösem Humor. Ihr Waisenhaus platziert sie mitten in der kleinen Universitätsstadt Oxford in Mississippi. Dieser Mikrokosmos wird symptomatisch für das Leben der Südstaaten in den Zeiten der Wirtschaftskrise zwischen den Weltkriegen. Stockett entfaltet ein Panorama verschiedener Schicksale – und sorgt gleichzeitig dafür, dass niemand den Überblick verliert. Denn sie beschreibt konsequent aus den Blickwinkeln von Meg und Birdie. An diesem roten Faden hängen alle anderen Figuren und Handlungsstränge. Vertreter der verlorenen Generation nach dem Ersten Weltkrieg. Die Aufsteiger und die Verlierer der Wirtschaftskrise, kleine Farmer und heruntergekommene Plantagenbesitzer. Verwöhnte Ehefrauen und verzweifelte Frauen. Allen voran die resolute Charlie, die alles daransetzt, ihre Tochter Meg zurückzugewinnen.
Frauen stehen eindeutig im Mittelpunkt des Geschehens. Männer sind zwar wichtig, um die Handlung voranzutreiben oder für einen Wendepunkt zu sorgen. Darüber hinaus widmet Stockett ihnen aber wenig Aufmerksamkeit. Gemessen an der Seitenzahl des Buches trifft das auch für den Banker Jack als Love Interest von Birdie und für den verlorenen Alkoholiker Tom als kameradschaftlicher Adoptivvater von Meg zu. Anders als in „Gute Geister“ steht im „Club der Unbeugsamen“ nicht die Diskriminierung von Afroamerikanern im Vordergrund, sondern die Ausgrenzung von Frauen, die nicht ins Schema einer fundamentalistischen Gesellschaft passen.
In ihrem Nachwort berichtet Stockett von einem 1928 erlassenen Gesetz im Bundesstaat Mississippi. Es erlaubte, Menschen, die als „schwachsinnig“ eingestuft wurden, zwangsweise zu sterilisieren. Als ein Zeichen für den angeblichen „Schwachsinn“ galten Frauen, die außerhalb der Ehe sexuell aktiv waren. Laut ihren Recherchen seien an die 70.000 Frauen in den USA aus diesem oder einem anderen Grund gegen ihren Willen sterilisiert worden. In ihre historischen Recherchen bezog Stockett die unterschiedlichsten Quellen ein, auch Werbeanzeigen oder die Sears-Kataloge des größten Versandhändlers der USA, der zum Vorbild für Neckermann wurde.
Herrlich verdorbener Humor
Um den Zeitgeist möglichst authentisch einzufangen, orientiert sich Stockett außerdem an literarischen Quellen, allen voran F. Scott Fitzgerald und William Faulkner als prägende Schriftsteller der amerikanischen Zwischenkriegszeit. Auf beide bezieht sich die Autorin im Club der Unbeugsamen ausdrücklich. Faulkner verbrachte die meiste Zeit seines Lebens in seiner Heimatstadt Oxford, Mississippi. Mit ihm verbindet Stockett nicht nur den Schauplatz, sondern auch ihre breit angelegte Schilderung einer Miniaturwelt. Und in der gibt es ständig Neues zu entdecken.
Stockett zieht ihre Leser immer wieder ins Geschehen. Dank einer sinnlichen Sprache und der sarkastischen Beobachtungsgabe ihrer beiden Hauptfiguren. Jede hat ihre eigene Stimme. Birdie kommentiert mit bewusst trockenem Humor „von der verderbten Sorte“, bei Meg entsteht der Witz durch eine Kombination kindlicher Naivität und frühreifer Erkenntnis. Wie geschickt Stockett auf dem Grat zwischen Tragik und Komik balanciert, zeigt die Rekrutierung von Prostituierten. Der Gegensatz zwischen der solide erzogenen Birdie und den Sexarbeiterinnen ist kurios. Und doch bleibt das Entsetzen beim Anblick einer todgeweihten Syphiliskranken.
Das ist schonungslos anschaulich. Ebenso wie die Darstellung des verschimmelten Büros, in dem Meg von der hartherzigen Waisenhausleiterin Garnett eingesperrt wird: Man hat den modrigen Duft der ekligen Wände quasi in der Nase. Auf der anderen Seite läuft einem das Wasser im Mund zusammen, als Meg adoptiert wird und einen reich gedeckten Tisch vor sich hat. Angesichts der Aufzählung kulinarischer Genüsse möchte man am liebsten sofort ein Kochbuch über die Küche der Südstaaten kaufen.
In die Beobachtungen von Meg und Birdie fließen Erinnerungen, Gedankenfetzen, längere Dialoge und schnelle Skizzen. Birdies reich verheiratete Schwester, die ihren Salon mit einer Geste präsentiert, „als teilte sie das Meer“. Die Heimleiterin Garnett, schmatzend und farblos. Charlie, die sich und ihrer Tochter „Wäscheklammern an die Rocksäume klemmt, damit die Röcke höher flogen“. Charakteristisch für Stocketts Sprache ist das Bild, das sie für Meg findet, als diese sich vom eleganten Haus ihres Adoptivvaters Tom verabschiedet: „Dieses Haus war wie eine Schachtel Farbstifte. Wenn man die besten rausnimmt, hat man nur noch eine luxuriös große Schachtel mit komischen Farbstiften, die man kaum gebrauchen kann. Tom war die beste Farbe hier.“
Kathryn Stockett: Der Club der Unbeugsamen, btb 2026, gebunden, 848 Seiten, 28 Euro





















