Montag, April 15, 2024

„Arsen und Spitzenhäubchen“: Ein Rezept für Lacherfolg

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Werne. Reizend sind das Sofa mit Streublümchenmuster und der fransenbesetzte Lampenschirm. Ebenso reizend sind die beiden ältlichen Eigentümerinnen dieses Ambientes mit ihren Pudellöcken und den adretten Rüschen. Sie haben für jeden Kranken einen Teller Suppe – und elf Leichen im Keller. Plus eine in der eisenbeschlagenen Fenstertruhe.

Die Zuschauerinnen und Zuschauer auf den Rängen der Freilichtbühne Werne wissen, worauf sie sich eingelassen haben. Nur so erklären sich die wissenden Lacher zu Beginn des Theaterstücks „Arsen und Spitzenhäubchen“. Denn nur Kenner des Stücks oder der Verfilmung von Frank Capra erkennen die schwarzhumorigen Zweideutigkeiten in den anfangs noch harmlosen Bemerkungen.

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Die Bankreihen sind gut gefüllt, etwa 650 Plätze besetzt. Nur an den Rändern sind einige Plätze frei geblieben. Dabei gibt es nach mehreren Regentagen endlich wieder einen lauen Sommerabend an diesem Samstag (2. September), an dem die dritte Premiere der Saison über die Freilichtbühne geht. Trotzdem hat die insgesamt unsichere Wetterlage offenbar den einen oder die andere zurückgehalten.

Für die Darsteller gab es immer wieder Szenenapplaus. Foto: Schwarze
Für die Darsteller gab es immer wieder Szenenapplaus. Foto: Schwarze

Aller Augen und Amüsement konzentrieren sich auf einer kammerspielartige Szenerie im Zentrum. Wo in den vergangenen Wochen noch sieben Zwerge – pardon: Männer allein im Wald – das gesamte Rund samt allen Häuschen und Obergeschossen bespielten, herrscht jetzt Ruhe. Verschläge und Vorhänge verdecken die ungenutzten Bereiche der Bühnenhäuser. Allein das untere Geschoss des mittleren Hauses wurde in ein schnuckeliges Wohnzimmer verwandelt.

Die drei Türen im Hintergrund fallen zunächst zwischen dem reizenden Klimbim der Einrichtung kaum auf. Dabei spielen sie eine schlagende Rolle. Denn „Arsen und Spitzenhäubchen“ balanciert zwischen schwarzer Komödie und Screwball-Komödie. Bei letzterer handelt es sich um jenes Genre, bei dem diese Tür hinter jener Protagonistin zuschlägt und sich die nächste für jemand anderen öffnet, der selten auf der Bühne vorfindet, was er naturgemäß erwarten durfte. Und so treiben die drei Türen zu Keller, Küche und Außenwelt die Dynamik der Inszenierung zu einem Gutteil voran.

Zwei reizende alte Damen (Nadine Markewitz und Anja Schmucker) wollen ihrem Neffen Mortimer (Marvin Müller) nicht glauben, dass man keine Leichen im Keller hortet. Foto: Schwarze
Zwei reizende alte Damen (Nadine Markewitz und Anja Schmucker) wollen ihrem Neffen Mortimer (Marvin Müller) nicht glauben, dass man keine Leichen im Keller hortet. Foto: Schwarze

Das Darstellerteam trampelt, trippelt, stolpert und marschiert versiert hindurch. Anja Schmucker flattert, giggelt und plaudert als Abby Brewster mit mädchenhafter Munterkeit durchs Haus. Nadine Markewitz spielt gesetzter in Mimik und Bewegung. Schließlich ist Abbys Schwester Martha der betulichere, strengere Typ – doch genauso herzensgut, wenn es darum geht, einsame Männer die ewige Ruhe zu schenken. Köstlich ist die reizende Unschuld, mit der beide Schwestern ihrem Neffen Mortimer das Rezept für den vergifteten Wein verraten – als teilten sie beim Elternabend ein Rezept für Marmorkuchen.

Mortimer (Marvin Müller) wird von Dr. Einstein (Laura Schriewersmann) und seinem Bruder Jonathan (Maximilian Falkenberg) in die Falle gelockt. Foto: Schwarze

In der Rolle des Mortimer beherrscht Marvin Müller die klassischen Techniken des Slapsticks. Etwa den Double-Take, wenn er die Fenstertruhe öffnet und Leiche Nummer Zwölf sieht. Ohne zu begreifen, schließt er den Deckel, starrt ins Leere und schaut ein zweites Mal nach, bis er glaubt, was er sieht. Aus dem leicht überheblichen Theaterkritiker macht er im Lauf des Stücks ein Nervenbündel, bei dem man sich fragt, wer hier eigentlich verrückt ist. Seine Verlobte Elaine hat jedenfalls ihre liebe Not mit dem Mann, der sie mal heiraten möchte, mal nicht: Janine Muhlberg schmollt, schimpft und schmeichelt nach allen Regeln der Kunst, während ihr On-Off-Verlobter alles daran setzt, sie aus dem Haus zu bekommen.

Romantische Stimmung beim Abendprogramm in der Freilichtbühne
Romantische Stimmung beim Abendprogramm in der Freilichtbühne. Foto: Schwarze

Maximilian Falkenberg agiert als mordlustiger Jonathan Brewster mit nonchalanter Hinterhältigkeit, die in Brutalität umschlägt, sobald jemand seine Ähnlichkeit mit Frankensteins Monster andeutet. Sein Komplize, der schmierige Dr. Einstein, wurde in Werne mit einer Frauenrolle besetzt: Laura Schriewersmann laviert geschickt zwischen kriecherischer Wehleidigkeit und laszivem Verschwörergehabe. Immer für Lacher gut ist der Part von Pascal Zurstraßen – wenn er als Teddy Brewster in Theodor-Roosevelt-Montur die Treppe heraufstürzt, zur Attacke bläst und mit knochentrockenen Kommentaren die Schaufel schultert, um die nächste Leiche zu begraben.

Weitere Fotos von der Premiere finden Sie am Montag (04.09.2023) in unserer Bilderstrecke.

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