Werne. Menschen singen für Menschen über den gemeinsamen spirituellen Weg: So wollten der Frauenchor am Kapuzinerkloster Werne und seine Chorleiterin Dagmar Wensing ihr Konzert am Samstag (19. September 2026) verstanden wissen. Und so wurde es verstanden.
Dass der Chor damit einen Nerv traf, bewies die Tatsache, dass die Klosterkirche aus den Nähten platzte. Jede Bankreihe war besetzt, Helferinnen trugen zusätzliche Stühle herbei. Dennoch mussten einige Besucherinnen und Besucher im hinteren Bereich stehen. Sie taten das bis zum Schluss.
Zwischen den Stücken gab Dagmar Wensing dem Publikum gedankliche Wegweiser mit, die die Werke mit dem Leitgedanken des Abends verbanden: sich auf den Weg machen und dabei in Gottes Hand sein. Ein passendes Motto im Jahr der 350. Wallfahrt von Werne nach Werl. Geistliche Werke von Joseph Haydn, Felix Mendelssohn-Bartholdy und Wolfgang Amadeus Mozart gaben dem Konzert einen starken Auftakt. „Die Himmel erzählen“ aus Haydns „Schöpfung“ zeigte die Spannweite des Chorklangs. Einerseits entwickelte sich prächtige Fülle, andererseits zeichnete der Frauenchor die elegante klassische Linie des Werkes schlank nach.

Einen ganz anderen Charakter hatte Felix Mendelssohn Bartholdys „Hebe deine Augen auf“ aus dem Oratorium „Elias“. „Elias hat Schweres durchgemacht und ist am Ende seiner Kräfte, als Engel ihm geistliche Wegzehrung geben“, erklärte Wensing. Der Frauenchor formulierte das mit einem lichten, durchsichtigen Klang, fast wie die klare Atmosphäre eines Gebirgsmorgens. Der Faden spann sich weiter zur christlichen Wegzehrung in der Eucharistie. Mozarts „Ave verum corpus“, wenige Monate vor seinem Tod für das Fronleichnamsfest komponiert, erklang fließend moduliert. Das „Ave Maria“ des 2000 verstorbenen Komponisten William Gomez und Mozarts „Laudate Dominum“ vertieften die kontemplative Seite des Konzertabends. Mit dunkler gefärbtem Sopran nahm die Solo-Sopranistin Doris Bühler den melancholischen Charakter des Ave Maria auf und ließ sich von dessen sanften synkopischen Rhythmen tragen. Diese innige Zurückhaltung prägte auch den musikalischen Dialog zwischen Solo-Sopran und Frauenchor in Mozarts wiegendem „Laudate Dominum“.

Besonders eng mit dem Leitmotiv des Abends verbunden war „Geh aus, mein Herz, und suche Freud“. Das Lied öffnete das Programm von den großen Klassikern hin zur Gemeindeliedtradition. Sein Dichter Paul Gerhardt trug schwer an Schicksalsschlägen: Von seinen fünf Kindern überlebte ihn nur eines, seine Frau starb früh. Dennoch schrieb er einen Text voller Zuversicht und Freude an Gottes Schöpfung. Der Frauenchor interpretierte die ersten beiden Strophen nach einem Arrangement von Dr. Hans-Joachim Wensing, Kantor der St. Christophorus-Gemeinde. Gut gelaunt ließen sie die Melodie voranschreiten, wobei ihnen die barocke Klosterkirche nicht nur akustisch einen perfekten Resonanzraum bot. Gerhardt lebte etwa zur gleichen Zeit, als die Kapuziner nach Werne kamen. Und er starb 1676, ein Jahr, bevor die Brüder in Werne die Wallfahrtstradition nach Werl begründeten. Anschließend malte Hans-Joachim Wensing an der Orgel neue Klangfarben mit Variationen von Gottfried Fischer, mit leichtfüßigen Staccati in den Flötenregistern, würdevollem Oboenklang und einem stürmischen Finale.

Der Sprung zu zeitgenössischen Komponisten war kein Bruch, sondern zeigte, dass Sehnsucht, Erinnerung und Liebe die Menschen über alle Zeiten hinweg begleiten. Im Gospel „I’ve Got a Feeling that the hand of the Lord is leading me“ (Lorenz Maierhofer) traf meditative Lyrik auf überzeugtes Forte. Andrew Lloyd Webbers „Think of Me“ entfaltete eine idyllisch-sehnsuchtsvolle Atmosphäre, während „Memory“ aus „Cats“ von selbstvergessener Interpretation und Momenten der Zuversicht lebte. „Greensleeves“, „I Have a Dream“ und „An Irish Blessing“ führten in Richtung Folk und populäre Chormusik. Das Finale führte alle zusammen. Indem das Publikum die vierte Strophe von „Bleib bei mir“ mitsang, wurden die Zuhörenden zu einem Teil des Chores.




















