Herbern. Das Telefon klingelt. Und klingelt. Und klingelt schon wieder. Wer Jutta Richter in diesen Tagen erreichen möchte, braucht Geduld. Seit die Kinderbuchautorin auf der Frankfurter Buchmesse den „Sonderpreis Gesamtwerk“ des Deutschen Jugendliteraturpreises erhalten hat, reißen die Glückwünsche nicht ab. Freunde, Wegbegleiter und Bewunderer melden sich aus aller Welt.
Besonders herzlich fallen die Reaktionen aus Italien und Spanien aus. Dort hat Richter längst eine treue Fangemeinde. In Italien wird sie liebevoll „La Richter“ genannt. Ihre Bücher gehören dort für viele Kinder zur festen Lektüre. In ihrem Haus in Herbern hat die Auszeichnung inzwischen einen Ehrenplatz gefunden: Sie steht im Fenster. Sichtbares Zeichen eines außergewöhnlichen literarischen Lebens.
„Ich habe mich unglaublich gefreut, als ich den Anruf bekommen habe“, erzählt Richter. Die Nachricht betraf eine der bedeutendsten Auszeichnungen der deutschen Kinder- und Jugendliteratur. Der Preis wird seit 1956 vom Bundesfamilienministerium gestiftet und vom Dachverband Jugendliteratur ausgerichtet. Über den mit 12.000 Euro dotierten Sonderpreis entschied eine unabhängige Fachjury.
Doch zunächst musste Richter die Freude für sich behalten. Drei Wochen lang durfte sie niemandem von der bevorstehenden Ehrung erzählen. „Das ist mir wirklich schwergefallen. Ganz schwer.“
Umso bewegender war schließlich die Preisverleihung. Ihre Dankesrede dauerte gerade einmal drei Minuten. Der langanhaltende Applaus anschließend mindestens ebenso lange. Die Jury würdigte Richter als eine unverwechselbare Stimme der deutschsprachigen Kinder- und Jugendliteratur. Besonders hob sie hervor, dass sich die Autorin „Beschönigungen und einfachen Lösungen verweigert“. Ihre Geschichten erzählen von Freundschaft und Ausgrenzung, von Mut, Verlust und der Suche nach dem eigenen Platz in der Welt. Dabei nimmt Richter die Sorgen und Ängste ihrer jungen Figuren ernst. Nicht immer gibt es einfache Antworten oder ein glückliches Ende.
Bücher wie „Der Tag, als ich lernte, die Spinnen zu zähmen“, „Hechtsommer“ oder „Frau Wolle und der Duft von Schokolade“ haben ihr einen festen Platz in der Kinderbuchliteratur gesichert. Ihre Werke wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet.
Neben dem großen Applaus bleiben Richter besonders die kleinen Begegnungen in Erinnerung. Auf der Frankfurter Buchmesse hielten ihr Kinder die Tür auf. Sie hatten die Schriftstellerin erkannt – und wollten natürlich Autogramme. Für Richter sind solche Momente kostbar. Denn bei allem internationalen Erfolg ist ihr der unmittelbare Kontakt zu ihren jungen Leserinnen und Lesern besonders wichtig. Zu erfahren, dass ihre Geschichten Kinder erreichen und im Gedächtnis bleiben, ist für sie eine eigene Form der Anerkennung.
Doch wer glaubt, Jutta Richter wolle sich nach dieser Ehrung zurücklehnen, irrt. Das Preisgeld des vom Bundesfamilienministerium gestifteten Sonderpreises soll nicht einfach auf ihrem Konto bleiben. Einen Teil der 12.000 Euro möchte die Schriftstellerin nutzen, um Kindern kostenlose Lesungen zu ermöglichen. Bereits in ihrer Dankesrede kündigte sie an, mit dem Geld Schulen zu unterstützen, die sich den Besuch einer Autorin sonst kaum leisten könnten.
Besonders am Herzen liegen ihr dabei Schulen in Ostdeutschland. Nach der Wiedervereinigung war sie dort zu Veranstaltungen eingeladen worden. Doch mit dem Wegfall zahlreicher kleiner Landbibliotheken verschwanden vielerorts auch die Möglichkeiten für solche Begegnungen. Daran möchte sie nun wieder anknüpfen. Erste Anfragen sind bereits eingegangen, weitere folgten in dieser Woche. Im Frühjahr 2027 soll die Lesereise beginnen.
„Ich möchte gerne mit den Kindern dort sprechen“, sagt Richter. „Literatur kann Empathie entwickeln. Das ist so wichtig.“ Dabei geht es ihr um mehr als das Vorlesen. Sie möchte zuhören, Fragen beantworten und unterschiedliche Lebenswelten miteinander verbinden. Vielleicht, hofft sie, entstehen aus solchen Begegnungen sogar Freundschaften. Gerade in gesellschaftlich angespannten Zeiten sieht Richter darin eine besondere Chance. Geschichten können Verständnis wecken, Vorurteile hinterfragen und neue Perspektiven eröffnen.
Ihre Motivation beschreibt sie mit großer Dankbarkeit: „Jetzt bin ich so alt geworden und darf auch mal was verändern. Ich habe so viel Glück in meinem Leben gehabt und möchte auch gerne mal etwas zurückgeben.“ Bei aller Vorfreude auf die Lesereise bleibt Jutta Richter vor allem eines: Geschichtenerfinderin. Und die nächste Geschichte ist längst unterwegs. Zumindest in ihrem Kopf.
„Wenn ich die Lesereise im Osten hinter mir habe, dann schreibe ich wieder“, kündigt sie an. Die Idee beschäftigt sie schon lange, drei Viertel der Geschichte seien bereits fertig. „Wenn ich eine Idee habe, dann spinne ich daran herum“, beschreibt Richter ihren kreativen Prozess. Was daraus entstehen wird, verrät sie noch nicht.
Zahlreiche Literaturpreise hat Jutta Richter im Laufe ihres Lebens erhalten. Doch eine Auszeichnung fehlt noch in ihrer Sammlung: der internationale Astrid Lindgren Memorial Award, einer der bedeutendsten Preise der Kinder- und Jugendliteratur weltweit. „Ob ich den noch bekomme – das wäre ein Traum. Mehr geht dann auch nicht mehr“, sagt sie.
Bis dahin steht die jüngste Auszeichnung im Fenster ihres Hauses in Herbern. Doch viel wichtiger ist der Autorin, was sie jetzt damit anfangen möchte: aufbrechen, Kindern begegnen, vorlesen, zuhören und Menschen einander näherbringen. Und wenn die Lesereise beendet ist, wird sie wieder an ihrem Schreibtisch sitzen und Geschichten erfinden. Denn Jutta Richters Lebenswerk ist jetzt ausgezeichnet worden. Zu Ende ist diese aber noch lange nicht.

















