„SprachMelodie“ inspiriert mit Lyrik von Szymborska

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Werne. Ein Kriegsopfer. Tränen aus der Matthäus-Passion. Eine Hommage an Vermeer. Elgars Liebesgruß. Das erste Babyfoto von Hitler. Ein Lied des jüdischen Komponisten Felix Mendelssohn Bartholdy.

Beim musikalischen Lyriknachmittag in der Kapuzinerkirche Werne griffen Wort und Ton am Sonntag (3. Mai 2026) verständnisinnig ineinander. Geschliffen rezitierte die Schauspielerin Monika Bujinski, feinfühlig interpretierte Andrea Knefelkamp-West am Konzertakkordeon.

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Als Duo „SprachMelodie“ gastierten sie vor voll besetzten Bänken auf Einladung des Freundeskreises Kapuzinerkloster Werne. Im Mittelpunkt ihres Programms „Nichts Kommt Zweimal“ stand die polnische Literaturnobelpreisträgerin Wisława Szymborska.

Die Schauspielerin Monika Bujinski trug die pointierte Lyrik von Wisława Szymborska ausdrucksstark vor. Foto: Schwarze

Szymborskas scharfer Blick provoziert

Es gibt deutsche Übersetzungen ihrer Gedichte und Kolumnen. Trotzdem ist Wisława Szymborska aktuell nicht so bekannt, wie es ihre Sprachkunst verdient hätte. „Wenn wir Sie nach diesem Nachmittag zum Weiterlesen inspiriert haben, würde mich das sehr freuen“, sagte Monika Bujinski zu Beginn über ihre Lieblingsdichterin. Gemessen am Szenenapplaus und den stehenden Ovationen am Schluss müsste das Duo sein Ziel erreicht haben. In ihren Gedichten erweist sich Szymborska als gute Beobachterin. Sie formuliert bündig, kommt schnell auf den Punkt. Ihr Spott offenbart sich in Wendungen, die ebenso beiläufig wie unerwartet daherkommen. Gleich das erste Gedicht, das Bujinski vorstellte, ist typisch dafür. „Hand“ ergeht sich in der Faszination der 27 Knochen, 35 Muskeln und Tausenden Nervenenden dieses menschlichen Gliedmaßes. Und schließt lapidar: „Das reicht, um ,Mein Kampf‘ zu schreiben. Oder Pu der Bär.“

Wort und Musik in intensivem Dialog

„Das Schreiben eines Lebenslaufs“ liest Bujinski so betont wie unbetont. Sie artikuliert glasklar. Andererseits klingt ihre Rezitation wertneutral. Auf Szymborskas bissiges Kontrastspiel, in dem Form alles und Inhalt nichts ist, muss sich das Publikum selbst seinen Reim machen. Wie ein Zitat aus der Biografie von Szymborskas Landsmann Fryderyk Chopin erklingt dessen Mazurka B-Dur op. 7.1. Markante Rhythmen aus dem Zyklus „Bukoliki“ von Witold Lutosławski durchmischen den getakteten „Beitrag zur Statistik“ von Szymborska. Ein melancholisches Oboenkonzert des Barockkomponisten Alessandro Marcello und eine fröhliche Gigue von Alexandre Tansman (1897–1986) schmiegten sich um das Gedicht „Trost“.

Wer nach dem Titel emotionale Lyrik erwartete, wurde eines Besseren belehrt. Genüsslich zählt Szymborska hier die verschiedenen Möglichkeiten eines tröstlichen Happy Ends auf, „die Geliebten wieder vereint, … die alten Jungfern an ehrbare Pastoren vergeben“. Mit unverhohlenem Vergnügen trug Monika Bujinski die Liste vor. Musikalisch lotete Knefelkamp-West das sinfonische Können ihres Akkordeons aus. Die innige Klangfarbe einer Oboe intonierend, glitt ihre rechte Hand über die Tasten, während die linke den Orchesterpart von Marcello Konzert auf den Knöpfen anschwellen ließ.

Musik und Ton gingen aufeinander ein. Das zeigte Andrea Knefelkamp-West mit subtilen musikalischen Interpretationen. Foto: Schwarze

Zynismus fordert heraus

Wie die Akkordeonistin erklärte, rühmte das Nobelpreiskomitee die polnische Schriftstellerin Szymborska 1996 als „Mozart der Poesie“. Gemeinsam ist beiden Künstlern die Ironie hinter der Leichtigkeit. Das „Allegro assai“ aus Mozarts Klaviersonate F-Dur interpretierte Knefelkamp-West mit akzentuierter Melodieführung. Pointierte Phrasierungen wechselten mit schwelgerischen Momenten. Knefelkamp-West betonte die kontrastreiche Nuancierung, wie sie sich auch in der Sprachlust von Szymborska findet. Die ist nicht nur spottlustig, sondern bisweilen bitterernst. So wie im „Gespräch mit dem Stein“. Vordergründig bittet jemand den Stein um Einlass. Die unbekümmerte Neugier schlägt zunehmend in Verzweiflung um, als der Stein hart bleibt. Bujinski inszenierte den Dialog wie ein Miniaturdrama, aus dem sich die Tragödie einer Beziehung heraushören ließ. „Vietnam“ zeichnet die bittere Szene einer traumatisierten Frau, die auf die drängenden Fragen eines Soldaten nur apathisch mit „Ich weiß nicht“ antwortet. Bis zur letzten Frage: „Sind das deine Kinder?“ – „Ja.“

Immer wieder gab es Szenenapplaus aus den voll besetzten Reihen in der Kirche des Kapuzinerklosters für das Duo SprachMelodie. Foto: Schwarze

Dem Bösen eins ausgewischt

Bitterböse wird Szymborska in „Das erste Foto“. Der „Süße im Strampelanzug“ ist „Klein Adi, der Sohn der Hitlers“. Das Gedicht sinniert, was aus dem „Bübchen und Sonnenscheinchen“ werden könne. Zur Auswahl stehen lauter ehrbare Berufe. Szymborska schreibt mit dem Zynismus derjenigen, die weiß, was stattdessen kam. Bujinski unterstreicht das, indem sie mit der glucksenden Stimme eines kindervernarrten Beobachters vorträgt. Wie ein inneres Kuchenessen wirkt es, wenn Knefelkamp-West danach das „Lied ohne Worte“ von Felix Mendelssohn Bartholdy vorträgt. Eines Komponisten, dessen Denkmal in Leipzig die Nationalsozialisten aufgrund seiner jüdischen Vorfahren stürzten.

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